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Tatort „Der rote Schatten“ Stammheim, 18. Oktober 1977

Der RAF-Tatort „Der rote Schatten“ kocht Verschwörungstheorien auf und verliert sich in einem problematischen Mix.

Tatort: Der rote Schatten
Justizkreise: Friedrich Mücke, Carolina Vera. Foto: Sabine Hackenberg/SWR

Aus den Gründen, aus denen der Stuttgart-Tatort „Stau“ im September weitgehend vorzüglich gelang, missglückt jetzt der Stuttgart-Tatort „Der rote Schatten“ auf ganzer Linie. Was konzentriert war, flattert jetzt auseinander, was beklemmend war, ist jetzt wirr, was das Leben mit wenigen Strichen auf den Punkt brachte, ist jetzt eine Stimmungswolke ohne Kern.

Man wird sagen, das liegt in der Sache, aber das ist eher noch trauriger, da an guten Filmen über die RAF-Geschichte und ihre Nachwirkungen kein Mangel ist. Warum nun dies?

„Der rote Schatten“, geschrieben von Raul Grothe und Regisseur Dominik Graf, ist ein irritierendes Sammelsurium. Erst einmal darf man aber noch auf den Reiz der vielen Fäden hoffen. Eine Tote im Kofferraum eines Unfallwagens scheint in so gar keinem Zusammenhang zu stehen zu einem Raubüberfall in der Eingangssequenz. Die Tote ist bereits obduziert worden, das ist erst recht merkwürdig. Bald aber nicht mehr. Jetzt geht es bereits darum, warum der smart wirkende Hannes Jaenicke trotz nicht abwegiger Verdachtsmomente unbehelligt bleiben soll. Er spielt den Mann, mit dem die Frau zuletzt zusammen war und der sie in der Badewanne gefunden haben soll (erst Badewanne, dann Gerichtsmedizin, dann Kofferraum, das ist die Reihenfolge). 

Während die Leute von der Kripo, Lannert und Bootz, Richy Müller und Felix Klare, ihre Arbeit machen wollen, werden ihnen die üblichen Steine in den Weg gelegt, jene Steine nämlich, die bedeuten, dass die obersten Justizkreise und der Staatsschutz mitmurkeln. Denn wer ist im Tatort noch schlimmer als der Wirtschaftsmagnat und der Kollege vom LKA? Die obersten Justizkreise und der Staatsschutz. So kommt es dann auch und läuft auf nicht weniger hinaus als auf die Frage, was damals in der Nacht auf den 18. Oktober 1977 – vor bald genau vierzig Jahren – in der Justizvollzugsanstalt Stammheim passiert ist. 

„Der rote Schatten“ ist insofern ein Ort für Verschwörungstheoretiker, und auch Hasser von Verschwörungstheorien ahnen natürlich längst, dass nicht alles so gewesen sein muss, wie uns erzählt wurde. Aber gerade da, wo alles möglich scheint und auch fast alles schon als Möglichkeit ventiliert worden ist, fehlt es ein wenig an Überraschungen. Ja, klar, so könnte es auch gewesen sein. Als aber zum Beispiel die vernünftige Assistentin Nika, Mimi Fiedler, fassungslos darüber ist, dass „der Staat einen Mörder schützt“, stellt sich doch die Frage, ob sie denn noch nie einen Krimi gesehen hat. 

Hier zeigt sich auch, dass „Der rote Schatten“ an der Fülle der Möglichkeiten, an der Größe des Spielfeldes krankt. Und daran, dass Graf und Grothe an dieser Stelle nicht vermitteln können, was ihr Ziel ist. Es gibt gut gefilmte Rückblenden, bei denen historisches Filmmaterial – zu Gudrun Ensslins Beerdigung, zu Claus Peymanns berühmtem Sammel-Aushang am Stuttgarter Schauspiel – mit nachgefilmten Szenen montiert wird.

Es gibt sogar einen regelrechten „Wie war das denn damals“-Exkurs zum Deutschen Herbst. Es gibt Lannert, der damals nicht mehr ganz so klein war wie Bootz und sich noch erinnern kann: „Wir wollten nicht werden wie unsere Eltern.“ Es gibt den Versuch, eine unorthodoxe Liebesgeschichte über die Jahrzehnte zu erzählen, was besonders deutlich misslingt, weil das Paar Jaenicke und Heike Trinker keinen Text bekommen, der ihre Beziehung in irgendeiner Weise interessant macht. 

Es ist wie immer so, dass gerade der große Wurfversuch, der missglückt, besonders peinlich wirkt. Die RAF, zeigt sich und ist an sich eine Selbstverständlichkeit, eignet sich nicht für unkonturierte Atmosphäre. In einem solchen Zusammenhang – also einer solchen Zusammenhangslosigkeit – beiläufig noch Bilder des entführten Martin Schleyer zu zeigen, nähert sich einer Entgleisung. Nicht weil Grafs und Grothes (nicht einfach nachzuvollziehende) eigene Theorien so abwegig wären. Sondern weil sie nichts daraus machen können als einen verworrenen und unterm Strich auch pseudoprovokativen Krimi.

 

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