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„Tatort: Babbeldasch“ Croissant des Todes

Eine echte Narretei: Lena Odenthal und eine Mundart-Truppe babbeln und improvisieren sich durch den Tatort.

Tatort
Die tote Sophie erscheint Lena Odenthal im Traum. Krass. Foto: Martin Furch/SWR

Der SWR reicht punktgenau den eigentlichen Karnevals-Tatort an. Musste der WDR mit „Tanzmariechen“ vorangehen, damit etwas Zeit zur Erholung blieb, bevor es jetzt ernsthaft lustig wird, ist „Babbeldasch“ eine einzige große Narretei. Aber eine Konzeptnarretei! Die Mitspielenden mussten (oder durften, aber vielleicht doch eher mussten) improvisieren, kannten nur die Figuren und Teile der Handlung (aber nicht den Mörder, wie man liest). Zum Ermittlerteam gesellten sich Mitglieder des Mundarttheaters Hemshofschachtel, im Zentrum der Ludwigshafener Minibühne wie auch in der Kriminalhandlung Gründerin Malou Mott (hier: Sophie) und ihre Tochter Petra (hier: Sarah).

Wir wollen jedenfalls nie mehr beklagen, dass im Tatort zu wenig Pfälzisch gesprochen würde. Auch kann man klipp und klar sagen, dass das Ergebnis nicht so aussieht und sich vor allem nicht so anhört wie ein herkömmlicher Fernsehfilm. Zwischen all den Ähs wird rumgekichert, von Letzterem macht Lena Odenthal so viel Gebrauch – wirkt geradezu lebensfroh –, als hätte Ulrike Folkerts an der Auffassung ihrer Rolle doch einiges zu korrigieren.

Natürlich kommt die Handlung gelinde gesagt schleppend in Gang, und bleibt auch im weiteren Verlauf ein wenig geschleppt. Ein Wort gibt das andere, außerdem könnte es dieser gewesen sein, aber auch jener, aber abnehmen möchte man es ohnedies keinem der braven Leute. Interessant ist, dass ausgerechnet ein Tatort, der im Bühnenmilieu spielt, dermaßen laienhaft wirkt. Lange darüber staunen kann aber nur, wer noch nie in einem kleinen, volkstümlich und boulevardesk orientieren Privattheater im Zuschauersaal saß. Die ebenso erquickliche wie für Außenstehende schockierende Atmosphäre von Aufgedrehtheit, Arglosigkeit, Nähe (anheimelnd, aber auch stickig), Eitelkeit, Dummheit und Selbstüberhebung wird in „Babbeldasch“ ganz von selbst auf den Punkt gebracht.

In Lena Odenthals – oder heute doch eher: Ulrike Folkerts’ – Gesicht bekommt man alles noch einmal in einem sympathischen Spiegel zu sehen: Das Amüsement, die Verlegenheit, die Befremdung, als sie mit dem bodenständiger eingestellten Kriminaltechniker Becker, Peter Espeloer, in die jüngste Babbeldasch-Premiere gerät. Daraus ergibt sich für sie aber eine nützliche Inkognito-Ermittlung.

Die Chefin des Hauses, das ebenso wie das Ludwigshafener Vorbild seinen 30. Geburtstag feiert, wird den Abend nämlich nicht überleben. Ein dramatisch zerspringender Spiegel nimmt es vorweg (überhaupt umwabern das Theater magische Elemente, vermutlich ist das sehr realistisch). Tödlich ist das Schokocroissant, das Sophie während der Vorstellung offenbar stets bereitgestellt wird. Die Durchleuchtung des Gebäcks zeigt deutlich an, dass eine Substanz eingespritzt wurde, gegen die sie allergisch ist. Der benachbarte Bäcker spielt selbst im Babbeldasch-Trupp. Die Tote verfolgt Lena in den Schlaf und fordert ihr Recht. Aufklärung tut not.

Regie führt Axel Ranisch, der mit solchen ja nicht neuen, aber selten so verblüffend platzierten Experimenten seine Erfahrung hat. Das Buch, hier also das so genannte Treatment ist von Sönke Andresen. Zum nicht unerheblich Atmosphärischen – aber es ist eine ungewohnte, kuriose Atmosphäre für Sonntagabend – trägt der opulente Soundtrack bei, ein Feuerwerk an klassischen und weniger klassischen Melodien (die ARD veröffentlicht online eine Playlist, mancher wird etwas nachschauen wollen). Es ist eine Musik, wie sie auch im Boulevardtheater verwendet wird, wenn sich der Vorhang zwischendurch schließt. Ranisch selbst schwebte eine „Kriminaloperette ohne Gesang“ vor. Das ist hochgegriffen, aber man bleibt schon am Ball und hört gerne zu.

Weniger mühsam als die Handlung – aber darum geht es hier auch nicht wirklich – kommt die Beziehung zwischen der neuerdings so fabelhaft lebenslustigen und auch flirtiven Lena und Frau Stern (bald schon: Johanna, Lisa Bitter) voran. Kopper, Andreas Hoppe, ist abgeschlagen, obwohl er ausgerechnet diesmal womöglich sogar der einzige zu sein scheint, der etwas Wichtiges mitzuteilen gehabt hätte. Er wird auf das nächste anständige Drehbuch warten müssen, um zu Wort zu kommen.

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