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Tatort "Auf einen Schlag" Wer braucht New York?

Falsche Herzlichkeit und Vollplayback: Der erste Dresden-Tatort führt sein praktisch veranlagtes Ermittlerteam ins Volksmusikmilieu.

Die Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski, Mi.) und Henni Sieland (Alwara Höfels, re.) verhören einen Konzertveranstalter. Foto: MDR/Andreas Wünschirs

Dresden bringt sich seit längerem ins Gespräch – es ist freilich keines, wie es sich das Fremdenverkehrsamt oder auch viele Dresdner wünschen. Dresden kann prunken, mit allerlei, nicht zuletzt Kultur, nicht zuletzt prächtigen Bauten. Aber es kann damit zur Zeit nicht so recht punkten im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Eher schon haben sich dort Botschaften festgesetzt wie folgende: „Der Sachse an sich sieht am liebsten andere Sachsen.“ So formuliert es ein cool-derber junger Musikmanager – und natürlich heißt er Maik – im ersten Dresden-Tatort. Er ist fiktiv, gewiss, der „Polizeiruf 110“-bekannte Andreas Guenther spielt ihn, doch wird Drehbuch-Autor Ralf Husmann schon hingehört haben am Schauplatz seiner Geschichte. Der Ton dieses Tatorts ist weit eher rau als sachlich oder gar herzlich, das scheint nicht abwegig. 

Nachdem Eva Saalfeld und Andreas Keppler – Simone Thomalla und Martin Wuttke – gleichzeitig in den Zweiten Frühling und die Rente geschickt wurden, nachdem Leipzig so seine Ermittler verlor, ist nun verständlicherweise Sachsens Hauptstadt dran. Deren bauliche und andere Schönheiten werden allerdings vorerst sparsam eingesetzt.

Der MDR steckt als neues sächsisches Ermittlerteam zwei taffe Frauen mit einem sexistischen Sturkopf zusammen. Alwara Höfels ist als Oberkommissarin Henni Sieland zwar goldblond wie Lorelei, aber zupackend („Polizeistaatmethoden“ schimpft da ein Widerspenstiger). Karin Hanczewski gibt als Oberkommissarin Karin Gorniak die kühl-praktische Alleinerziehende wie Befragerin. Martin Brambach, gerade sah man ihn im TV-Sechsteiler „Die Stadt und die Macht“, ist hier Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel und zuständig fürs Mosern über die neuen Zeiten im Allgemeinen und die Allgegenwart von Frauen im Besonderen. „Mädchen, du hast eine Intelligenzintoleranz“, sagt er zur aufgeweckten Polizeianwärterin.

Es wird sich nicht nur zum wirklich schlimmen Ende von „Auf einen Schlag“ aber zeigen, dass Schnabel mindestens das halbe Herz auf dem rechten, mitfühlenden Fleck hat.

"Eine Schlangengrube mit Vollplayback"

Der Tatort „Auf einen Schlag“ führt nach dem Buch Husmanns und in der zupackenden Regie Richard Hubers geradewegs ins Volksmusikmilieu, eine Schlangengrube mit Vollplayback, wie es scheint. Da singt eine dralle Blonde, ein „Sachsenmädchen“ in falscher Herzlichkeit (bzw. bewegt sie die Lippen): „Wer braucht New York, wenn er auch Zwickau haben kann“ – da findet sie auch schon eine Schnapsleiche auf der Bühne und dann gleich eine richtige.

Der (erschlagene) Tote ist Toni, Hälfte des beliebten Duos Toni & Tina. Alexandra Finder schluchzt als Tina standesgemäß – dann will sie proben gehen. Denn Maik von „Sachsengold Entertainment“ weiß: „Ein Künstler ist nie heißer, als wenn er tot ist.“ 

Der Verdächtigenkreis ist vertraut. Es gibt den alten Manager, der vielleicht abserviert werden sollte. Es gibt den jungen Manager mit den zynischen Sprüchen. Die nicht sehr traurige Witwe. Die singende Konkurrenz, auch sie ungerührt angesichts des Ablebens. Und was ist mit den Extremfans? „Meine Fans, die drehen dauernd durch“, klagt das Sachsenmädchen vom Anfang und möchte posten, dass sie in großer Gefahr war. Oberkommissarin Gorniak reagiert kühl.

Zwei machen die Arbeit, nämlich die beiden Kommissarinnen – und sie sind offenbar verdammt gut aufeinander eingespielt. Einer, der Chef, geht immerhin zur Hand. Wie seine No-Nonsense-Hauptfiguren, so setzt auch Autor Husmann auf Straffheit und zielstrebige Wortwechsel. Die Dialoge sind eher halb-originell, als dass sie funkeln, aber sie vermeiden die üblen Krimiklischees.

Das Dresdner Trio wird Möglichkeiten haben, so viel steht schon fest. Dinge werden angedeutet. Dinge könnten sich entwickeln. Für die weiteren Folgen ist kein schlechter Grund gelegt.

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