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Tatort: „Am Ende geht man nackt“ Subtile Abweichung von Stereotypen

Selten konsequent: Der Franken-Tatort „Am Ende geht man nackt“ kennt wenig Spaß und keine Ablenkung.

Franken-Tatort
Felix Voss (Fabian Hinrichs, mit roter Jacke) lernt undercover einen jungen Syrer kennen (Mohammed Issa, r.). Foto: Bernd Schuller/Rat Pack Filmproduktion/BR

Der dritte BR-Tatort aus Franken ist so nüchtern, dass es schon etwas Erbarmungsloses hat. „Am Ende geht man nackt“ will sich selbst weder ausstaffieren noch Locken drehen noch vom Pfad erschreckend geheimnisloser Folgerichtigkeit abweichen. Da die Verweigerung größerer Überraschungen und das Knochentrockene eines Handlungsverlaufs auch schon wieder ein nicht ganz unvertrauter Effekt sind, wird zwar klar, dass man als Fernsehkrimi der Fernsehkrimikonvention nicht mehr entrinnen kann. Aber so konsequent wird es doch selten durchgezogen.

Holger Karsten Schmidt hat die Geschichte geschrieben, die in Bamberg spielt, Regisseur Markus Imboden verweigert dazu jegliches Bad im spektakulären Stadtbild. Außer dass man sich hörbar unter Franken befindet, könnte so etwas offensichtlich überall in Deutschland passieren. Der Brandsatz, der Teile einer (maroden) Flüchtlingsunterkunft fatal schnell in Flammen aufgehen lässt, hat sich, erfährt die Ermittlerin Ringelhahn, Dagmar Manzel, durch keine Anfeindungen angekündigt. Eine Afrikanerin ist tot, ein weiterer Mann schwer verletzt. Mangels Zeugen – mangels aussagewilliger Zeugen – und durch den Umstand, dass die Afrikanerin in einem Raum eingeschlossen war, muss der Verdacht in verschiedene Richtungen gehen. Kommissar Voss, Fabian Hinrichs, kommt soeben von einer Reise zu seiner tschetschenischen Großmutter zurück und wird nach guter alter Tatort-Manier als verdeckter Ermittler unter die Geflüchteten gemischt.

Hätte Kommissar Voss nicht jedem Kollegen jeweils genau eine tschetschenische Wurst mitgebracht, ginge der Weg zur Aufklärung noch schnörkelloser vonstatten. Aber nicht einmal über tschetschenische Würste lässt sich so viel sagen, dass es zur ernsthaften Ablenkung würde. Man muss sich vorstellen, was los wäre, wenn tschetschenische Wurstware die Kriminalpolizei in Münster erreicht hätte, um die kaurismäkische Temperiertheit der fränkischen Szenen in vollem Umfang wertzuschätzen.

Reichlich Zeit bleibt für Recherchen im fränkischen Klüngel, für Holzwege und auch private Rückschlüsse – dass deutsche Polizisten offenbar zum ersten Mal in ihrem Leben über die Situation von Geflüchteten nachdenken: nicht glorreich, aber auch nicht abwegig. Voss findet leicht Anschluss, unter den Bewohnern der Unterkunft sind Verzweifelte, brave Bürger, Kinder, zügellose Halunken. Einen der Letzteren spielt Yasin el Harrouk grandios und mit humoristischen Facetten, die der Tragik interessanterweise nicht ins Gehege kommen. Die Dramaturgie des Lebens stellt bekanntlich häufiger eine Nähe zwischen Leichtfertigkeit und tödlichem Ernst her.

Die Volten halten sich in Grenzen. Aber Schmidt und Imboden haben ein Gespür für subtile Abweichungen vom Stereotyp. Und das Schema F wird mit Sorgfalt ins Szene gesetzt, so die Schlägerei mit rechten Jugendlichen und die darauffolgende schändliche, beiläufig platzierte Parteilichkeit der angerückten Polizei. Voss’ Empörung ist von lupenreiner Glaubwürdigkeit. Dass Ringelhahns Mitarbeiter bald von zu Hause Säckchen mit abgelegten Kleidern mitbringen, läuft ebenfalls nebenher mit. Für die Vermittlung von Moral braucht es nicht immer dreißig Worte.

Die Langeweile, die bei solcher Gradlinigkeit nicht nur mitschwingt, sondern vorhanden ist, nimmt Schmidt in Kauf. Manzel lässt sich nicht in die Karten gucken, zeigt mit kühlem Lächeln eine Frau, die nichts von sich preisgibt und sich regelrecht weigert, interessant zu sein. Da Dagmar Manzel eine glänzende Schauspielerin ist, ist sie entsprechend auch wirklich nicht interessant. Kaum interessant. Sympathisch, ihr von herbem Wohlwollen geprägtes Verhältnis zum jüngeren Kollegen.

Zum Schluss: Doch noch ein Schlenker, der bitterste, der möglich ist. „Am Ende geht man nackt“ wird auf die Schnelle noch zur Parabel, aber auch dies ist folgerichtig.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Tatort

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