Lade Inhalte...

"Shades of Blue", RTL Heillose Verstrickungen

Reale Begebenheiten in dramatischer Zuspitzung: Die Polizeiserie „Shades of Blue“ erzählt von einer korrupten Polizeieinheit in New York. Produzenten sind Ryan Seacrest und Jennifer Lopez, die selbst die Hauptrolle spielt.

Detective Harlee Santos (Jennifer Lopez) wird von einer Anti-Korruptionseinheit des FBI, die den Machenschaften des Teams seit einiger Zeit auf der Spur ist, in eine Falle gelockt... Foto: RTL/NBCUniversal/Peter Kramer

Harlee Santos (Jennifer Lopez) musste ihrem Chef eine Notlüge auftischen. Sie war nicht am vorgesehenen Einsatzort und gibt vor, der Freund ihrer Tochter habe einen Unfall verursacht. Lieutenant Matt Wozniak (Ray Liotta) sorgt sich um das Befinden aller Beteiligten und kündigt an, sich gleich morgen um die Reparatur des Autos kümmern zu wollen. Derart in Verlegenheit gebracht, sieht Santos nur einen Ausweg: Nachts setzt sie das Auto ihrer Tochter mehrmals mit Schwung vor einen Betonpfosten, damit sie anderntags ein beschädigtes Fahrzeug vorweisen kann.

Eine typische Konfliktsituation in der grimmigen Polizeiserie „Shades of Blue“ – ob Bagatellvergehen oder grober Verstoß gegen die Dienstordnung, eine Tat bleibt nie ohne Folgen. Und die können sich wellenartig bis zur Katastrophe steigern. Ein erzählerisches Konzept mit Realitätsbezug: Als Vorlage diente Serienschöpfer Adi Hasak das Buch „Shades of Blue - 30 Years of (Un) Ethical Policing“, in dem der Polizist und Ausbilder Michael Rudolph fiktionalisierte Erinnerungen und Erfahrungen ausbreitete.

Maulwurf gesucht

Lieutenant Matt Wozniak, genannt Woz, vom 64. Revier in Brooklyn hat sich eine verschworene Truppe herangezogen. Mit kleinen Gefälligkeiten bessert man das Gehalt auf, drückt hier ein Auge zu, kassiert dort für eine Schutzvereinbarung. Zudem paktiert Wozniak mit einem Drogenboss, in eigenwilliger Auslegung seiner Aufgaben: Die Polizisten lassen den Großdealer gewähren und ziehen seine Konkurrenten aus dem Verkehr, sofern der seine Straßenhändler von Schulen und bestimmten Wohnblocks fernhält.

Allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz ist das FBI aufmerksam geworden. Eine Anti-Korruptionseinheit ermittelt und sucht einen Informanten aus dem inneren Kreis. Die Wahl fällt auf Detective Harlee Santos, denn die ist erpressbar: Ihre 17-jährige Tochter (Sarah Jeffery) stünde allein da, wenn ihre alleinerziehende Mutter zu einer Haftstrafe verurteilt würde.

Verzweifelt sinnt Santos auf einen Ausweg. Sie ist Wozniak aus persönlichen Gründen zu Dank verpflichtet; der Polizeiveteran ist für sie Verbündeter und väterlicher Freund. Nur widerstrebend lässt sie sich auf den Handel ein. Und kennt bald keine ruhige Minute mehr, denn über einen Vertrauten beim FBI hat Wozniak von der Ermittlung erfahren. Er weiß, dass es einen Maulwurf gibt und setzt alles daran, herauszufinden, um wen es sich handelt.

Ein Mannschaftsspiel

„Shades of Blue“ muss sich zwangsläufig dem Vergleich mit Shawn Ryans „The Shield“ stellen, ebenfalls eine an reale Ereignisse angelehnte Serie um eine korrupte Polizeieinheit. „The Shield“, ab 2002 im Programm und preisgekrönt, spannte den Erzählbogen breiter, von den Ränken im Revier und privaten Dramen bis hin zur Lokalpolitik von Los Angeles, ohne deshalb an Intensität zu verlieren. Nicht zuletzt dank der schauspielerischen Leistung von Hauptdarsteller Michael Chiklis gelang den Autoren der bemerkenswerte Coup, beim Publikum Empathie herzustellen für eine Figur, die gleich in den ersten Minuten einen Mord begeht.

An diese Ausnahmeserie reicht „Shades of Blue“ nicht heran. Adi Hasak, der „Shades of Blue“ ursprünglich ohne Auftrag entwickelt hatte, richtet das Augenmerk auf die Gruppe um Lieutenant Wozniak und auf das kleine Team seines hartnäckigen FBI-Widersachers Stahl (Warren Kole). Ein klassisches Mannschaftsspiel auf urbanem Terrain, mit abgebrühten Anführern.

Der alternde Wozniak weiß, dass die Tage seiner unangefochtenen Revierherrschaft gezählt sind. Ein letzter Coup soll ihm und seiner Frau Linda (Lolita Davidovich) einen sorgenfreien Ruhestand bescheren. Ray Liotta spielt Woz mit den Zügen eines lauernden, getriebenen Raubtiers, dann wieder müde, ausgelaugt, mit hängenden Lidern und schlaffen Lefzen. Dabei überzieht der Charaktermime gelegentlich, kehrt in theatralischer Manier mehr nach außen, als sich der auf der Straße gestählte Wozniak je gestatten würde.

Fortsetzung folgt

Der für das Regiekonzept verantwortliche Ko-Produzent Barry Levinson bleibt inszenatorisch merklich hinter seinen früheren TV-Arbeiten wie „Homicide – Life on the Streets“ – eine der besten Polizeiserien der US-Fernsehgeschichte – zurück. Dennoch entwickelt die Geschichte beträchtlichen Sog, wenn Harlee Santos sich vor allem aus Liebe zu ihrer Tochter verzweifelt und mit wachsender Wut aus der verfahrenen Situation zu befreien versucht. Die Autoren finden überraschende Volten, die nach 13 Episoden in einen vorläufigen Abschluss münden.

Eigentlich verdankt sich dieses Konzept dem Umstand, dass die in ihrer Rolle überzeugende Hauptdarstellerin Jennifer Lopez, deren Unternehmen die Serie koproduziert und die ursprünglich nicht selbst vor die Kamera treten wollte, nur für 13 Folgen zur Verfügung stand. Aus der Not wurde eine Tugend: Da sich die erste Staffel auf einen begrenzten Zeitraum beschränkt, kann das Publikum mit einer absehbaren zufriedenstellenden Auflösung rechnen und muss keine Füllepisoden erdulden, die das Finale künstlich hinauszögern. Wobei das Ende bereits auf die vom auftraggebenden Sender erbetene Fortsetzung hinwirkt, die in den USA voraussichtlich 2017 zur Ausstrahlung gelangt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum