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„Professor T.“, ZDF Die Wirklichkeit tut ihm gut

Alltägliche Polizeiarbeit ist ihm verhasst. Der Kriminologe Jasper Thalheim widmet sich dem Verbrechen lieber im Studierzimmer. Das ändert sich – Praxis und Theorie treffen aufeinander. Dieser Kontrast belebt die ZDF-Krimiserie „Professor T.“.

Der Kriminalpsychologe Professor Jasper Thalheim (Matthias Matschke) unterstützt die Kripo Köln bei der Aufklärung von Mordfällen. Foto: ZDF/Thomas Jahn

Der Professor erstarrt. Die Besucherinnen haben sein aseptisches Büro verlassen. Und ein vollgeschnäuztes Papiertaschentuch auf der Tischplatte liegen lassen. Für den Reinlichkeitsfanatiker der pure Horror. In seiner Fantasie nehmen die Keime die Gestalt von sich ringelnden fetten Tausendfüßern an.

Jasper Thalheim, Dozent für Kriminologie an der Universität Köln, ist Zwangsneurotiker mit schwer gestörtem Sozialverhalten. Und zugleich so ziemlich der Beste seines Fachs. Der Dekan verdreht die Augen, aber er lässt Thalheim gewähren. Ob der nun Studierende beleidigt, sich den Fachschaftssitzungen verweigert oder in Hochschulräumlichkeiten ein Callgirl empfängt. Thalheim genießt Narrenfreiheit.

Als auf dem Campus eine Vergewaltigung begangen wird und die Kriminalermittler Anneliese Deckert (Lucie Heinze) und Daniel Winter (Andreas Helgi Schmid) nicht weiterkommen, bittet Deckert den brillanten Sonderling um Hilfe. Deckert hat selbst bei Thalheim studiert. Der Exzentriker gibt vor, sie nicht zu kennen. Er nimmt ihr immer noch übel, dass sie eine Assistentinnenstelle ausschlug und lieber in die Praxis wechselte. Der Praxis nämlich begegnet Thalheim mit Verachtung: „Ich bin nicht Sherlock Holmes, ich bin Wissenschaftler“, erklärt er schroff. „Ich löse keine Kriminalfälle. Ich studiere sie.“

Dennoch willigt er ein, mit dem Opfer Diana Herzog zu sprechen. Feinfühligkeit ist seine Sache nicht, sein Umgang mit der Betroffenen stößt ab. Doch was so gefühllos wirkt, hat Methode. Diana soll sich ihren verschütteten Erinnerungen stellen und sie so verarbeiten. Zufällig sind Täteridentifikation und Ungenauigkeit von Zeugenaussagen auch Thema der Vorlesung, mit der Thalheim in die Auftaktfolge eingeführt wird.

Auf Distanz zur Außenwelt

„Professor T.“ ist die deutsche Adaption der gleichnamigen flämischen Serie mit Matthias Matschke anstelle des großartigen flämischen Schauspielers Koen De Bouw in der Rolle des abweisenden Akademikers, der sich gern in seine japanisch karg eingerichtete mönchische Zelle zurückzieht und lautstarken Techno-Klängen lauscht, während er sich der fachlichen Lektüre oder seinen Gedankengängen hingibt. Den dialogischen Disput führt er nicht mit Kollegen, sondern mit dem Callgirl Tamara (Marie Rönnebeck), seiner einzigen Vertrauten. Sie, ein aufmerksamer, empathischer Charakter, ist es, die feststellt: „Die Wirklichkeit tut dir gut.“

Gänzlich empfindungsunfähig ist Thalheim tatsächlich nicht. Es gibt da eine weit zurückreichende Verbindung zu Anneliese Deckerts Chefin Christina Fehrmann (Julia Bremermann), über deren Natur das Publikum vorerst ein wenig grübeln darf. Erst im Verlauf der vorerst vier Folgen wird mählich immer mehr über die Hauptfiguren enthüllt.

Kleines Land, große Serien

Während sich permanent große Aufmerksamkeit vor allem auf US-amerikanische Serien richtet und namentlich die Produktionen kostenpflichtiger Anbieter großes Interesse finden, ist der Medienberichterstattung das belgische Serienwunder der vergangenen Jahre nahezu entgangen. Dank einer entsprechenden Förderpolitik des Landes und teils auch großer Kommunen entstehen vor allem im flämischen Teil Belgiens Serien, die längst international Anerkennung gefunden haben.

Die Social-Fiction-Serie „Cordon“ wurde in den USA als „Containment“ adaptiert. Der Politthriller „Salamander“, gerade in Deutschland in der Wiederholung bei Servus TV zu sehen, konnte nach Angaben der verantwortlichen Produktionsfirma in mehr als 30 Länder verkauft werden. Die Dreharbeiten zu einer US-Version unter Produktionsbeteiligung der deutschen Beta Film haben soeben begonnen.

Verglichen mit diesen und anderen Titeln wirkt „Professor T.“ erstaunlich unoriginell und ist damit nicht repräsentativ für das jüngere belgische Serienschaffen. Serienschöpfer Paul Piedfort verwob unübersehbar bekannte Motive der US-Serien „Monk“ (in Deutschland bei RTL) und „Perception“ (in Deutschland bei Vox).

Immerhin: Abgesehen davon, dass hier wieder einmal die akademische Sphäre als Spielwiese ungebärdiger Spinner dargestellt wird, weist die Originalserie eine große Milieugenauigkeit auf. Demgegenüber gibt es in der deutschen Version frappierende Ausreißer. Da sieht die Frauen-Toilette im Studentenwohnheim aus wie eine völlig verkommene öffentliche Bedürfnisanstalt, mit verdreckten Wänden und verstopften Becken. Dergleichen wird man in einer Wohnanlage eines deutschen Studentenwerks kaum finden.

Für die vorerst vier Episoden der deutschen Fassung wurden Plots der 13-teiligen ersten Staffel des Originals übernommen. Mehr noch: Teile der Serie wurden in den teils umdekorierten Originalkulissen in Antwerpen unter Mitwirkung belgischer Teammitglieder gedreht. Ein kostengünstiges Verfahren, zumal ausweislich des Nachspanns auch belgische Produktionsförderung in Anspruch genommen werden konnte.

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