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„Polizeiruf 110“ Von Wölfen und Liebenden

Der BR gönnt uns einen zweiten Polizeiruf mit Matthias Brandt und Barbara Auer.

Auch in bedenklichen Situationen bleiben sie still: Hermann und Meuffels. Foto: C. Schulz/BR/Claussen+Putz

Beim letzten Mal, nach dem Polizeiruf „Kreise“ im Juni 2015, stellte sich die Frage, wie Christian Petzold es schaffen würde, die Hamburger Ermittlerin Constanze Hermann wieder in die Nähe des Hauptkommissars von Meuffels zu bekommen. Da war schon klar, dass nur das Resultat zählen würde. Jetzt ist es so weit. Hermann, Barbara Auer, hat sich wegen ihres offenbar weiterhin schwelenden Alkoholproblems in ein Wellness-Zentrum begeben, das zufälligerweise in der Nähe von München liegt. Da sie telefonisch rasend geschwind Meuffels, Matthias Brandts, aktuellen Fall lösen kann, bleibt Zeit, sich zu verabreden. Schon ist außerdem auf einer Landstraße in der Nähe eine Leiche entdeckt worden.

„Wölfe“ ist also die zweite München-Folge, in der Autor und Regisseur Petzold („Die Stille nach dem Schuss“, „Phoenix“) Brandt und Auer in Szene setzt, wie es anziehender, flirrender und zugleich stiller und unprätentiöser nicht geht. An sich reicht es, ihnen beim Rauchen zuzusehen, denn zusammen sind sie eine Doppelspeerspitze der Rückkehr des Nikotinkonsums in die Fernsehunterhaltung. Im Wellness-Zentrum ist das, wie man sich leicht vorstellen kann, ein noch größeres Problem als außerhalb. Unglaublich reinliche junge Frauen sind unglaublich unhöflich, sobald mal jemand nach einem Zigarettenautomaten fragt.

Rauchen, reden, Musik hören

Auch wenn „Wölfe“ gewissermaßen bloß ein Vorwand ist, um Hermann und Meuffels beim gemeinsamen Rauchen, Reden und Musikhören zeigen, so tut sich dennoch eine ungewöhnliche Kriminalhandlung auf. Dazu gehört ein Wolf, der nach den Berechnungen des hinzugezogenen Zoologen zwei Meter groß sein müsste. Der Zoologe (Sebastian Hülk) ist ein komischer und extrem menschenferner Typ mit modernem Bart, man hat seine helle Freude an ihm. Weitere Statisten-Wölfe ziehen ihre Kreise, während in der Kneipe der unangenehme Mob sich zu einer Erschießungsaktion versammelt. Die junge Frau ist tot, auch Schafe sind tot. Zwar geht alles durcheinander und sind die Zusammenhänge noch unklar. Aber die Dorfseele kocht. Die Polizei kann wenig ausrichten. Die Wut richtet sich ebenso gegen die Tiere wie gegen einen Türken, der in der Nähe wohnt und einen Wolf sowie eine Graue-Wölfe-Vergangenheit besitzt. Das zeigt dem Kenner eine Tätowierung, dem ungläubigen Fernsehzuschauer der BND, der plötzlich auch noch in der Gegend auftaucht und nach seiner Natur ganz wichtig ist.

Petzold gönnt sich hier eine ziemliche Flüchtigkeit, aber das Signal ist deutlich: Auf dem Dorf gibt es nicht nur Sünde, sondern auch Schlechtigkeiten aller Art. Die Musik immerhin, die sich in der Wurlitzer Jukebox ebenda befindet, stellt Hermann, Meuffels und die damit erfahrenere Kollegin sehr zufrieden.

Der Typus der Geschichte ist aus englischen Krimis wohlvertraut, in Deutschland traut sich das selten jemand (ein zwei Meter große Wolf, das muss man sich vorstellen). Aber Petzold geht lässig und entspannt damit um. Natürlich erschreckt man sich, wenn Barbara Auer in der Nacht jwd aus kleinen roten Augen angestarrt wird, wo sie doch eben noch „Anyone who had a Heart“ auf den Lippen hatte. Natürlich ist die Lösung ein bisschen flau und auch buchstäblich an den Haaren herbei gezogen. Gleichwohl erweist sich Petzold als Meister der Atmosphäre, jener Atmosphäre, in der auf Zuneigung Liebe folgen könnte. Solche Gedanken hegt man hier. Auch von Meuffels hegt solche Gedanken. Er möchte gegen seine Gewohnheit auf einmal Urlaub machen, Filme gucken, Musik hören, „mit dir“. So etwas kann nicht jeder unbeschadet sagen, Matthias Brandt aber tadellos.

Und, ja stimmt zwar, die Lösung ist flau, aber so, wie sie sich hier darstellt, ist sie auch ein Meer von Traurigkeit.

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