Lade Inhalte...

Polizeiruf 110, ARD Schamlos sommerlicher Eintritt ins neue Jahr

Nach einigem Hin und Her eröffnet ein zappendusterer Sommer-Polizeiruf aus Rostock das Sonntagskrimi-Jahr.

Der Beslower schmiert gerne mal was an anderer Leute Hauswand. Liegt ja nur daran, dass er Angst hat. Katrin König am Ort des Geschehens. Foto: Christine Schroeder/NDR

Ohne die Tauschereien beim Neujahrskrimi – erst der WDR-Tatort „Sturm“, nach dem Anschlag in Berlin der SR-Tatort „Söhne und Väter“, nach dem Einspruch des offenbar lieber anders planenden SR nun der NDR-Polizeiruf „Angst heiligt die Mittel“ – wäre das Ergebnis einem vorgekommen wie von langer Hand geplant. Der 15. Fall für Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau als Bukow und König führt mittenhinein in ein unbehagliches Land und in ein Kaff, dessen Bewohner nicht einen einzigen Flüchtling brauchen, um tödlichen Hass zu entwickeln.

Aber auch hier versteckt sich der Hass hinter der gern beschworenen und titelgebenden „Angst“, bezogen nun auf zwei Sexualstraftäter nach deren Haftentlassung – einer der beiden stammt offenbar von hier. Die „Angst“ reicht also als moralisches Alibi völlig aus, um den Boden des Gesetzes munter schwadronierend hinter sich zu lassen. Als polizeitaugliches Alibi setzen die Bewohner auf die allgemeine Verschwiegenheit, die man sich hier in Beslow, Mecklenburg-Vorpommern, anscheinend vor langer Zeit angewöhnt hat.

Während die Bewohner von Beslow wirklich für alles Erklärungen zur Hand haben – Stumpfsinn und Redseligkeit gehen eine ungewohnte, aber sofort überzeugende Verbindung ein –, tut ihnen das Drehbuch von Susanne Schneider nicht den Gefallen, ihr katastrophales Sozialverhalten mit unerfreulichen Fakten zu flankieren. Die soziale Not scheint sich zumindest in Grenzen zu halten, man geht Berufen nach, die Sonne scheint außerdem geradezu provozierend verlässlich auf den öden, aber nicht direkt heruntergekommenen Ort. Die Perspektivlosigkeit, die hier zweifellos herrscht, entwickeln die Bewohner allein aus sich heraus. Wobei entwickeln vermutlich ein zu komplexer Vorgang wäre. Es ist ein Herumsitzen, Maulen und Stieren.

Nein, wer sich Erklärungen und mehr Verständnis für den ressentimentbeladenen Teil der Bevölkerung ausdenkt, der wird beim Zuschauen immer unzufriedener werden. Dass die Beslower später noch in sentimentalische Katerstimmung geraten, macht alles nur noch schlimmer. Überhaupt nicht beruhigend auch, dass im Rostocker Kommissariat ebenfalls tüchtig Vorurteile ventiliert werden. Regisseur Christian von Castelberg nimmt sich Zeit dafür, das Interieur der Dorfkneipe, das Gegaffe auf der Straße, die promiskuitiven Vergnügungen des unbelehrt rechtsextremistischen Dorfbosses (Heiner Bockmann muss er auch noch heißen, Markus Gertken spielt ihn ausgezeichnet als Mann ohne liebenswerte Anteile). Kein Bogen kann groß genug sein, um ihn um Beslow herum zu schlagen.

Auch dass „Angst heiligt die Mittel“ dennoch nicht so verläuft, wie man es sich jetzt vielleicht vorstellt, liegt an der vor allem anfänglichen Stärke des Buchs. Nachher wird es zusätzlich kompliziert, zum erzieherischen Vorteil, aber zum dramaturgischen Nachteil. Lieber hätte man weiter zugeschaut, wie sich die Beslower nun gegenseitig zerfleischen als noch rasch einen Ausflug in die internationale Kriminalität zu machen und Ermittlerin König in einer jener Gefahren zu erleben, denen sich vernünftige Polizisten nie aussetzen würden. Die offenkundige Absicht – denke nie, du wärst auf der sicheren Seite in deiner Einschätzung anderer Menschen – rechtfertigt einiges.

Die Ermittler wären ebenfalls lieber woanders. Frau König vielleicht am liebsten schon in Berlin – sie hat den Job, aber nimmt sie ihn auch an? Bukow vielleicht am liebsten auf einem anderen Stern – er will nicht, dass sie weggeht, aber wo soll das noch enden? Vorerst mit dem größten Bekenntnis seit Beginn der Hübner-Polizeirufe. Ganz ehrlich gesagt interessiert das aber nicht so sehr bei diesem düsteren, schamlos sommerlichen Eintritt ins neue Jahr.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen