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Neuer Tatort Dortmund Jede Menge Ruhrpott-Klischees

Beim neuen Dortmunder „Tatort“ werden sich die Kommissare noch aus den für sie vorgesehenen Charakterschablonen lösen müssen. Das Drehbuch lässt keine Gelegenheit aus, Jörg Hartmann zum Sonderling zu stilisieren.

Jörg Hartmann als Hauptkommissar Peter Faber im "Tatort" "Alter Ego". Foto: WDR/Willi Weber

Dass allem Anfang ein Zauber innewohnt, kann man beim „Tatort“ nicht ohne Weiteres behaupten. Manchmal wäre es schön, die ersten Folgen zu überspringen, bis die Redaktionen klarmachen konnten, was sie sich alles vorher überlegt haben, und die Schauspieler ihre Rollen jenseits aller Vorab-Konzepte so spielen dürfen, wie es interessant ist.

Der neue Dortmunder Beitrag – neues Team, neue Stadt, im Hintergrund der ewige Schimanski und sein Duisburger Ruhrpott, das muss ein wahnsinniger Druck sein – ist dagegen noch ganz und gar in der ersten Phase: Was wollen wir zeigen und was sollen die Zuschauer sich dabei denken?

Dortmund, das ist hier Förderturm und Großstadt vor interessant bewölktem Himmel, ist Dortmunder U, ist nämlich traditionsbewusst und trotzdem ganz schön und sehr modern, und der Stadttourismus-Chef wird dem WDR keinen bösen Brief schreiben müssen. Hier leben Menschen wie du und ich, aber sie lassen sich von einem Fußballlied wecken. Folge eins, geschrieben von Jürgen Werner, inszeniert von Thomas Jauch, verzichtet weder auf den letzten braven Taubenzüchter im schicker werdenden Revier („Et is wie et is“, sagt der letzte brave Taubenzüchter tapfer) noch auf den letzten knallharten Ex-Stahlbaron, der das verweichlichte Söhnchen körperlich züchtigt und überhaupt Vorkriegs-Herr ist.

Die Ruhrpott-Klischees haben sich alle erledigt, wird in „Alter Ego“ mitgeteilt, um sie dann doch noch einmal tüchtig zu bedienen. Auch das vom hart-aber-herzlichen Fußballfan, oder vom rustikalen Humor des Bergarbeitersohns, der sich einer Schwulenkneipe auf der dramaturgisch unvermeidlichen Undercover-Recherche im Milieu schrecklich unbehaglich fühlt.

Denn auch die Kommissare werden sich aus den für sie vorgesehenen Charakterschablonen noch lösen müssen. Dass es erstmals im „Tatort“ ein Ermittler-Quartett ist, weckt im Verein mit einem Dauergeflapse „Nachtschicht“-Gefühle, die Vorteile liegen auf Dauer aber hoffentlich auf der Hand: viel mehr Möglichkeiten. Vorerst ist die Gemengelage überschaubar. Alles wird auf Jörg Hartmann als Peter Faber zugeschrieben sein, der typisch unorthodoxe Neuankömmling mit der tragischen Note (unklare Trauerfälle in der Familie, ein Antidepressivum in der Tasche). Er wühlt bereits in fremder Leute Schubladen, als die Kollegen überhaupt erst eintrudeln.

Schon fällt das Wort „Psycho“

Mit Hartmann wird der Dortmunder „Tatort“ stehen und fallen. Das Drehbuch lässt keine Gelegenheit aus, ihn zum Sonderling zu stilisieren. Schon fällt das Wort „Psycho“. Der Fanatismus, der ihm in den Text geschrieben wird, bricht sich in peinlichen Rollenspielen Bahn. Ein Trost ist, dass alle anderen sich ebenfalls zu Tode schämen. Noch besser ist, dass Hartmann tatsächlich bereits ausgezeichnet spielt. Er ist so sonderbar, dass er sogar noch gegen das Sonderbarkeits-Etikett ankommt, und plötzlich reizend ist, oder so unsympathisch, dass er Borowski um Längen überholt. Auch das gehört übrigens zur „Sherlock“-Note seiner Rolle, die aber weitgehend humorfrei serviert wird.

Anna Schudt, Martina Bönisch, ist offenbar die klügere, abgeklärtere Kollegin, während Aylin Tezel als Nora Dalay und Stefan Konarske als Daniel Kossik das klassische hübsche junge Pärchen im Quartett vertreten: die Tiptoppe mit dem Migrationshintergrund, der Schlumpf mit dem Arbeiterhintergrund. Die Sexszene, die sie eingangs vereint und sorgsam verwirrend mit dem ersten Mordfall verschnitten wird, gehört zu den wilderen der „Tatort“-Geschichte. Aber hält die erste Ermittlung dieses Leidenschaftsniveau? Nein.

Dasselbe Team hat bereits die zweite Folge gedreht, unter dem Titel „Mein Revier“. Es gibt trotz allem noch keinen Grund, nicht neugierig zu bleiben.

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