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„Mörderische Stille“ Das Leben ist kein Seemannsknoten

Friedemann Fromms überdeutlich konstruierter, aber gediegen inszenierter ZDF-Krimi „Mörderische Stille“.

Mit so aparten Teams hat das deutsche Fernsehen normalerweise noch was vor: Jan Josef Liefers und Ivan Anderson ermitteln an der Nordsee. Foto: ZDF und Gordon Timpen

Im ZDF-Montagskrimi „Mörderische Stille“ wird am Ende doch der breite Pinsel hervorgezogen, wenn sich im beschaulichen Wilhelmshaven persönliche und politische Geschichten so aufwendig verschlingen, als sei der Lauf der Welt ein Seemannsknoten.

Dies würde man dem sorgfältigen und sehr erfahrenen Drehbuchautor und Regisseur Friedemann Fromm auch zu gerne glauben, wenn das schicksalhafte Zusammentreffen verschiedener durch den Kosovo-Krieg schrecklich verbundener Menschen nicht so umständlich auserklärt werden müsste, damit es dramaturgisch hinhaut. Warum konnte der höchst wehrhafte Zeuge einer üblen Gewaltszene damals nicht eingreifen? Wieso muss eigentlich ein Stummer in Gebärdensprache befragt werden? Und warum befinden sich überhaupt alle Protagonisten von damals jetzt an der Nordsee? Für praktisch alles werden plausible Erklärung geliefert, aber vor lauter Erklärungen kann sich der tatsächlich tragische Anteil der Handlung nicht so unerbittlich entfalten, wie es Schicksals Art ist.

Der tragische Anteil dreht sich um Selbstjustiz, ein Thema, das auch die Ermittelnden betrifft. Dies ebenfalls nicht gerade subtil, aber hier arbeitet Fromm mit reizvollen Leerstellen, fühlt sich offenbar nicht verpflichtet, die letzten Zusammenhänge auch noch zu erläutern. Kommissar Holzer hat einen Mann erschossen, den er nicht hätte erschießen müssen. Kollegin Catak, die privat damit beschäftigt ist, ihre bei Verwandten zurückgelassene Tochter vor einer Zwangsehe zu bewahren, sieht nicht ein, warum man den Mord an einem Verbrecher aufklären soll. Ein apartes Team.

Die Verwandlung des Jan Josef Liefers

Es ist beeindruckend, wie problemlos es Jan Josef Liefers gelingt, sich vom Tatort-Clown in einen zarten, zurückhaltenden und mit klugem Kalkül sogar etwas blassen Kriminalisten zu verwandeln. Holzer laboriert an einem Tinnitus, darum läuft vorzugsweise Mozart in seiner Umgebung, was Catak „zu schwul“ ist, denn die kurdischstämmige Berliner Schauspielerin Ivan Anderson spielt mit Schwung Holzers Gegenstück. Da der losgelassene und ungezogene Teil selten der Frau im Team gegönnt ist, kann sich selbst die flotte Überzeichnung sehen lassen. Mit solchen Duos hat das deutsche Fernsehen normalerweise noch was vor, es gibt aber keinen Hinweis darauf.

Alsbald mehren sich hingegen die Hinweise, dass der im Jadebusen von einem nicht allzu hellen Berliner (Veit Stübner, gediegen die Besetzung bis in die Minirollen) geangelte Leichnam in einer Verbindung mit dem längst vergangenen Kosovo-Krieg steht. Ein relativer Begriff natürlich für die, die ihn erlebt haben, Bundeswehrveteranen wie Kosovaren. Die Spur führt unter anderem zu Peter Lohmeyer als smartem Ex-Soldaten und zur französischen Schauspielerin Sylvie Testud (aus der Caroline-Link-Verfilmung „Jenseits der Stille“) als seiner gehörlosen Frau. Wie Lohmeyer seine Undurchsichtigkeit genießt, ist ebenso schön anzusehen wie das unsentimental ausdrucksstarke Spiel Testuds. Legt sie dem Ermittler Holzer eine Hand aufs Ohr, vergeht das auch dem Zuschauer nicht ständig, aber brutal genug vorgeführte Pfeifen.

Dass hier mehr als Zuneigung keimt, wird von den Ereignissen davongeschwemmt. Sie widersprechen inklusive des hochdramatischen Showdowns der geruhsamen, sich für den melancholischen Gehalt interessierenden Inszenierung. Das muss gewollt gewesen sein, aber wenn man sich ausgerechnet das nicht recht erklären kann.

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