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„Marie Brand und die Spur der Angst“, ZDF Erinnerungen an die Oetker-Entführung

Für Fernsehermittler eine Art Beförderung: Seit dem vergangenen Jahr laufen die Fernsehkrimis um die Kölner Kommissarin Marie Brand am Samstagabend. Der aktuelle Fall wird dem dort üblichen Niveau freilich nicht gerecht.

Wen verfolgen Marie Brand (Mariele Millowitsch) und Simmel (Hinnerk Schönemann)? Foto: ZDF/Guido Engels

Die Kölner Kriminalermittlerin Marie Brand gehört zu den Konstanten des deutschen Fernsehkrimis. In wechselnden Abständen geht sie im Abendprogramm des ZDF ihrer Arbeit nach. 2008 startete die Reihe „Marie Brand und …“ auf einem Donnerstagstermin, seit dem vergangenen Jahr zählt die von Mariele Millowitsch gespielte Marie Brand zum illustren Kreis der Samstagabendermittler des ZDF.

Seit ihrem ersten Auftritt hat Brand seltsamerweise nicht an Kontur gewonnen, sondern deutlich verloren. Sie war eingeführt worden als hochintelligente Kriminalistin mit beinahe übersinnlichem Gespür und beeindruckender Fach- wie auch Allgemeinbildung, kundig selbst in Sachen Popkultur. So wusste sie den Soulsänger Prince von seinem Kollegen D‘Angelo zu unterscheiden. Abgesehen von der ihren Charakter kennzeichnenden Besonnenheit ist von diesen Merkmalen in Brands siebzehntem Fall nichts mehr spürbar. Erschöpfungserscheinungen?

Mann fährt Frau

Treu geblieben ist ihr in all den Jahren ihr Partner Jürgen Simmel. Die Intellektuelle Brand benötigte – das Prinzip gilt seit Edgar Allan Poes „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ – einen Dialogpartner.

Kriminalhauptkommissar Jürgen Simmel verfügt eindeutig über das schlichtere Gemüt, glänzt aber bisweilen durch originelle Einfälle und vor allem durch Sportlichkeit. Die Figur wäre ein Stereotyp, würde sie nicht von Hinnerk Schönemann gespielt, der sie mit nuanciertem Mienenspiel, mit vielsagenden Blicken, verhaltenen Gesten vor dem Klischee bewahrt. Simmel immerhin durfte sich weiterentwickeln. Vor acht Jahren noch trug er eindeutig männlich-chauvinistische Züge; jetzt sinniert er während einer Dienstfahrt: „Ist das nicht ein Klischee, dass der Mann fährt und die Frau daneben sitzt?“

Ein typisches Moment: Drehbuchautor Jochen Greve rückt stets deutlich mit der Sprache heraus. Der Subtext – Simmel hat sich in eine in jeder Hinsicht emanzipierte Grafikerin verliebt – wird buchstäblich plakativ vor Augen geführt. Simmels neue Freundin arbeitet gerade an einer Plakatkampagne zur Förderung der beruflichen Gleichberechtigung von Frauen. Zumindest bei Simmel haben die Motive bereits angeschlagen. Während der Ermittlungen im Fall eines ermordeten Rennstallbetreibers überrascht er seine Kollegin Brand immer wieder mit nachdenklichen Bemerkungen zur Geschlechterfrage.

Verführer und Verbrecher

Leidlich spaßige, wenngleich sehr aufgesetzt wirkende Einlagen. Schwach dagegen ist wieder einmal – das passiert in dieser Reihe häufiger – die Krimihandlung. Autor Greve macht da Anleihen beim realen Entführungsfall Richard Oetker. Während seines Martyriums hatte Oetker schwere Stromschläge erlitten und war dadurch invalide geworden. Ähnlich ergeht es im Film dem Unternehmer Clemens Drobeck (Rainer Bock). Als dessen Entführer Marek Kahlert (Sascha Alexander Gersak) aus der Haft entlassen wird und ein ehemaliger Kumpan den Tod findet, muss sich Drobeck nochmals zu den vergangenen Vorfällen äußern. Ein Teil des Lösegelds, eine verführerische Summe, wurde nie gefunden. Etwaige Komplizen, dubiose Zeugen, Drobecks Geliebte und ein windiger Anwalt gehören zu den Verdächtigen.

Ein komplexes Konstrukt, leider in der Ausführung nicht überzeugend. Es hapert an einer glaubwürdigen Handlungsführung und auch an der Gestaltung der Figuren. Mehrfach wird dem Verbrecher Kahlert ein ausgesprochen charmantes Wesen attestiert, das es ihm erlaubte, sogar die Ehefrau seines Opfers und auch gleich noch eine Mitarbeiterin seines Anwalts zu bezirzen. Zu sehen ist davon nichts. Kahlert erscheint als dumpfer, aufbrausender Rohling, dem man jede Gewalttat zutraut, aber keine ausgeklügelte Entführung und schon gar nicht die Verführungskünste eines gerissenen Don Juans.

Gewisse Klüfte zwischen den Ideen des Drehbuchs und der bildnerischen Umsetzung sind offensichtlich, andere wirken unterschwellig. Die Makel summieren sich. Und lassen den Zuschauer nach 90 Minuten mit einem Gefühl des Unbefriedigtseins zurück.

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