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Krimi „Die Frau mit einem Schuh“ Schau, da schwimmt ein Ohr

Ruhelos, und doch kommt keiner vom Fleck: Michael Glawoggers schöner Krimi „Die Frau mit einem Schuh“ ist im ZDF zu sehen.

Grundgütiger, was ist das? Franzi und Michael behalten aber die Nerven. Foto: Petro Domenigg/ZDF

Vier Jahre später kommt der letzte Film, den der ruhelose Reisende und Dokumentarfilmer Michael Glawogger (1959-2014) fertigstellen konnte, auch ins deutsche Fernsehen. „Die Frau mit einem Schuh“ war die erste Folge der losen ORF-Landkrimi-Reihe, Glawogger schrieb damals auch das ruhelose Drehbuch dazu, zugeschnitten auf die ruhelose Nina Proll als unterforderte Polizeidienststellenleiterin in einem übersichtlichen Ort in Niederösterreich.

Sie heißt Franzi, ihr Mann kann toll kochen, ihr Kollege Michael ist Karl Fischer, bekannt als unterforderter Stichwortgeber von Commissario Brunetti. Hier spielt er so ähnlich, aber auf österreichisch, außerdem besteht er auf der Unterforderung, denn warum sich plagen, wenn nichts los und die Welt unrettbar ist. 

Im Zentrum des Arbeitstages steht die Frage, wo man Mittagessen geht, ferner die allgemeine Teuerung, derer man sich durch stetes Umrechnen in Schilling versichert. Michael geht ins Bordell, weil er es praktisch und angenehm findet. Er lässt sich auf Streitereien über die Frage ein, ob ein Hai ein Fisch ist. Michael hat Zeit. Als, wie soll man sagen, ein Stück Körper auftaucht und dann noch eines, braucht er länger als Franzi, um in Schwung zu kommen. 

Denn „Die Frau mit einem Schuh“ ist trotz der etwas linkshändigen Behandlung, die Glawogger dem verbrecherischen Anteil zukommen lässt, zunächst einmal ein klassischer österreichischer Schauerkrimi. Mit einer gewissen Freude wird vom beschuhten Menschenbein zum Tisch des fleißiger Metzgers geschnitten und siehe da, das ist ja nun auch gerade ein Bein.

Schon der Filmtitel ist ironisch, wenn man sich überlegt, wie viel mehr hier noch fehlt als ein Schuh. Der Satz „Schau, da schwimmt ein Ohr“ fällt, auch wenn Glawogger und die ungezogenen Kinder der asiatischen Wirtin an dieser Stelle zu Scherzen aufgelegt sind. 

Betrunkene ballern herum und pinkeln in die Gefängniszelle und schimpfen und schimpfen. Überhaupt sind alle immer am Schimpfen, Schimpfen, Schimpfen. Tote Verwandte liegen eine Weile im Haus, weil die Lebenden zu passiv oder zu traurig oder beides sind. Auch die angesichts der demografischen Entwicklung am Ort um sich greifende Demenz erschwert die Polizeiarbeit. 
Nicht zuletzt durch Karl Fischers gutmütigen Umgang mit der Bevölkerung bietet Glawogger bei allem an Wien-Tatorts erinnernden Gemaule die melancholische Variante. Es gibt ja diesen melancholischen Unernst, hier breitet er sich geruhsam aus, während Franzi ermittelt, dass es eine Art hat. Mit und ohne Profi-Sackerl, muss man sagen, denn auch der österreichische Beamte neigt zu Pedanterie. 

Franzi, von Nina Proll mit sympathischster Unmittelbarkeit gespielt, kann darüber nur lachen. Aber auch sie findet es nicht in Ordnung, wenn sie fährt und Michael ruft: Bleib stehen. Sie: Was, hier, mitten im Kreisverkehr? Auf dem nächsten Bild sieht man sie von oben um einen hübschen, aber leeren Kreisel kurven. Er sieht aus wie der leerste Kreisel auf der Welt. Franzi hat entsprechend lange darauf gewartet, dass etwas geschieht. Abends interessiert sie der TV-Krimi immer noch mehr als ihr Mann, dabei ist der TV-Krimi offensichtlich herkömmlicher als der, in dem sie selbst mitspielt. In ihrem ist es immerhin so, dass Michael einen bösen Hund mit Döner beruhigt, um wo einzusteigen, während Franzi die Bewohner des betreffenden Hauses zur Ablenkung zum Essen einlädt.

Ihr Mann kocht echt toll, es ist ein reizender Abend. Selbst Edita Malovcic und Johannes Kirsch, ein sehenswertes, leidenschaftliches Paar Verdächtiger, kriegen ein bisschen die Zähne auseinander. Sein Österreichisch versteht man trotzdem so gut wie gar nicht. Das ist ein Vorzug der Serie, ein jedenfalls von Hessen aus knallhart wirkender Sprachrealismus. 

Alles interessiert Franzi also mehr als ihr Mann. So heftig ist zum Beispiel vom ersten Blick an das Funkengestöber, dass man hinterher kaum noch weiß, warum Harry Prinz als Kollege aus der Hauptstadt vorkommt. Ist wurscht. Da ist er. 

„Die Frau mit einem Schuh“, ein lediglich beiläufig origineller Krimi, lässt sich weitgehend ins Fach der skurrilen, lakonischen Vertreter einordnen. Gleichwohl ist er detailreich und menscheninteressiert genug, um darüber enttäuscht zu sein, dass Franzis Leben in Bewegung gerät. Tatsächlich zeichnen sich Handlung und Figuren dadurch aus, dass sie nicht vom Fleck kommen. Ebenso übrigens wie die fidele Musik Norbert Wallys. 

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