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„Kommissarin Lucas: Schuldig“ Auf der Flucht

„Kommissarin Lucas: Schuldig“ nimmt sich Zeit für seine Geschichte und schlägt mittendrin eine neue Richtung ein.

15.05.2016 16:13
Tilmann P. Gangloff
Tom Brauer (Lasse Myhr) und Ellen Lucas (Ulrike Kriener) hören am Tatort verdächtige Geräusche im Wald. Foto: ZDF und Laurent Trümper

„Der innere Zirkel“ hieß diese Episode aus der ZDF-Krimireihe „Kommissarin Lucas“, als sie gedreht wurde. „Schuldig“ mag emotionaler klingen, aber der Arbeitstitel nimmt vorweg, was der Film erst spät preisgibt. Zunächst beginnt die Handlung mit einer Flucht bei Nacht und Nebel: Ein syrisches Geschwisterpaar hat sich für die sichere Einreise nach Deutschland mit gefälschten Pässen und Visa als Mulis verdingt; in ihren Eingeweiden transportieren sie viele kleine Päckchen mit Heroin. Wie gefährlich so etwas ist, hat vor gut einem Jahr der Auftaktfilm des neuen Berliner „Tatort“-Teams („Das Muli“) erzählt: Wird eins der Säckchen durch die Magensäure zersetzt, stirbt das „Maultier“ einen qualvollen Tod. In diesem Fall ereilt den Bruder allerdings ein noch drastischeres Schicksal. Zum Glück beschränkt sich das Drehbuch (Daniel Schwarz, Thomas Schwebel) auf die mündliche Beschreibung des blutigen Vorgangs.

Die Geschichte wirkt also zunächst bekannt, und das nicht nur wegen der speziellen Form des Drogenschmuggelns. Flüchtlinge spielen in den Reihenkrimis derzeit ohnehin eine große Rolle, und auch Ellen Lucas (Ulrike Kriener), die Regensburger Kommissarin, besucht ein Flüchtlingsheim; dort lebt Qumar (Maryam Zaree), die Schwester der beiden Syrer. Ihre Schilderung vom Schicksal der Familie, deren ältere männliche Mitglieder zuvor entweder dem Regime oder den Milizen des „Islamischen Staates“ zum Opfer gefallen sind, ist so bewegend, dass selbst die kühle Kommissarin erschüttert reagiert.

Natürlich bleibt der Film auch weiterhin der Frau (Banafshe Hourmazdi) mit den Drogen im Leib auf der Spur, zumal sie in großer Gefahr schwebt: Sie hat in Bulgarien, als sie mit dem Stoff versorgt wurde, zufällig den Drahtzieher (Peter Davor) der Aktion zu Gesicht bekommen, und solche Menschen wollen erfahrungsgemäß keine Zeugen. Die Perspektive verschiebt sich jedoch mehr und mehr in Richtung ihres Begleiters, und jetzt entwickelt die Geschichte eine unerwartete Komplexität: Alex Scherer (Konstantin Frolov), genannt Gypsy, ist der Sohn eines früheren Kollegen von Lucas’ Chef, Boris Noethen (Michael Roll), und der fühlt sich für den jungen Mann verantwortlich, weil der Vater vor vielen Jahren bei einem gemeinsamem Einsatz erschossen worden ist; aber davon erzählt er seiner Mitarbeiterin nichts. Auch der BKA-Beamte Harald Leinenweber (Arved Birnbaum), der seit Jahren nach den Hintermännern des Drogenschmuggels sucht, war damals beteiligt.

Grimme-Preisträger Miguel Alexandre („Grüße aus Kashmir“), der sich zuletzt vor allem der ZDF-Reihe „Der Kommissar und das Meer“ angenommen hat und dazwischen nur „Starfighter“ (RTL) gedreht hat, inszeniert den Film für einen Krimi erstaunlich ruhig. Dazu passt auch die gute Musik von Dominic Roth, der immer wieder hintergründig orientalische Klänge in seine Komposition einfließen lässt. Über weite Strecken fesselt die Handlung allein durch die Figuren, zumal Alexandre zum Beispiel der Trauer Qumars um ihre Geschwister angemessen viel Zeit einräumt. Dramatisch wird es gegen Ende, als sich die Beteiligten ausgerechnet dort einfinden, wo einst Scherer senior ums Leben gekommen ist.

Die Sache ist damit allerdings noch längst nicht ausgestanden, denn Ellen Lucas löst zur eigenen Verblüffung nicht nur den aktuellen Fall, sondern bringt auch Licht in die alte Geschichte. Alexandre, seit einigen Jahren stets auch für die Bildgestaltung seiner Filme verantwortlich und dadurch erst recht ein Regisseur mit gutem Gespür für seine Schauspieler, führt die Darsteller ausnahmslos souverän. Das gilt auch für einen kurzen Exkurs, als Lucas-Vermieter Max (Tilo Prückner) nicht ganz uneigennützig einen geflüchteten syrischen Professor (Ramin Yazdani) samt Frau aufnimmt und alle zusammen gegen Ende kulinarische Integration feiern.

Einzig Nina Friedrich ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber das liegt an ihrer Art: Sie spielt Andrea Wenzl, das neue Mitglied im „Team Lucas“. Die Kollegin ist eine begnadete Hackerin und verschafft ihrer  Chefin auf diese Weise Zugang zu Material, das sie auf offiziellem Wege unzensiert nie zu Gesicht bekommen würde. Legal ist das selbstredend nicht, aber für die Krimireihe bedeutet das natürlich neues Potenzial.

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