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„Kalt ist die Angst“ Hinter tausend Stäben keine Welt

Caroline Peters spielt in dem sehenswerten stillen Thriller eine Frau zwischen Wahn und Wirklichkeit.

14.01.2017 09:37
Tilmann P. Gangloff
Plötzlich ist David (Hans-Werner Meyer) tot: Seine Ehefrau Claire (Caroline Peters), sein Chef Hagedorn (Rudolf Kowalski, li.) und sein Assistent Michael (Christoph Maria Herbst, 2. v. li.) schauen zu, wie Dr. Bauer (Jannek Petri) den Tod feststellt. Foto: ARD Degeto/Jacqueline Krause-Burber

Manchmal trennt nur ein schmaler Grat den Wahn von der Wirklichkeit; zumindest im Film. Die Klassikers des Genres, etwa „Wiegenlied für eine Leiche“ von Robert Aldrich (1964), leben nicht zuletzt von der Ungewissheit, in der die Hauptfigur schwebt: Weil sie sich nicht sicher sein kann, ob das, was sie für eine Verschwörung hält, nicht ausschließlich in ihrer Einbildung existiert.

In dem stillen Thriller „Kalt ist die Angst“ verknüpft Autor Martin Douven die psychische Fragilität seiner Heldin mit einem verabscheuungswürdigen Verbrechen und der Geldgier eines global agierenden Konzerns; aber diesen Hintergrund gibt sein Drehbuch erst später preis. Zunächst zweifelt Claire Heller (Caroline Peters) an ihrem Verstand. Die Frau ist ohnehin angeschlagen: Seit Jahren wünscht sie sich nichts sehnlicher als ein Kind; die Fixierung hatte eine psychiatrische Behandlung und entsprechende Pharmaka zur Folge.

Als ihr Mann David (Hans-Werner Meyer), ein Entwicklungshelfer, kurz nach einem sechswöchigen Aufenthalt in Äthiopien völlig unerwartet an einer Gehirnblutung stirbt, bricht ihre Welt endgültig zusammen; erst recht, als sie rausfindet, dass er eine Geliebte hatte. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass er auch noch andere Geheimnisse gehabt haben könnte, die mit seiner Arbeit zusammenhängen. Claire tappt zwar völlig im Dunkeln, ist jedoch überzeugt, dass David irgendwo entsprechende Unterlagen versteckt hat; aber offenbar ist sie nicht die Einzige, die danach sucht. Beweisen kann sie das allerdings nicht, und da sie ohnehin regelmäßig Tabletten nimmt, zweifelt sie schließlich an ihrem Verstand.

Immer neue Wendungen

Die Geschichte überrascht mit immer wieder neuen Wendungen, die Martin Douven ebenso clever wie plausibel einfädelt. Dabei ist der Stoff durchaus ungewöhnlich für den Autor, der sich bislang durch zwar heitere, aber doch eher harmlose Familienkomödien wie „Hilfe, die Familie kommt!“ oder „Ein Drilling kommt selten allein“ hervorgetan hat. Auch Regisseur Berno Kürten hat in den letzten Jahren überwiegend leichte Stoffe wie „Der Schwarzwaldhof“ oder „Die Nonne und der Kommissar“ gedreht.

In „Kalt ist die Angst“ zieht er zwar nicht alle Genre-Register, aber gerade die ausgezeichnete Musik von Maurus Ronner sorgt für ein durchgängig hohes Spannungsniveau: Die Bilder sind im Grunde harmlos, wie auch die geschickt in die Komposition integrierten Spieluhrklänge nahelegen, aber dahinter verbirgt sich das nackte Grauen; zumindest aus Sicht der Hauptfigur, deren verzerrte Perspektive Kürten immer wieder durch leichte Verfremdungen andeutet.

Caroline Peters, in erster Linie für starke Frauenrollen bekannt („Mord mit Aussicht“), vermittelt gerade Claires Dünnhäutigkeit sehr glaubwürdig. Anders als die verwandte Hauptfigur aus der Psychostudie „Im Netz“ – Peters spielt dort eine Frau, der die digitale Identität gestohlen wird -  balanciert Claire ständig am Rande des Abgrunds. Die kühle Atmosphäre des Eigenheims verstärkt diesen Eindruck noch; die Jalousien wecken die Assoziation zu Rilkes Gedicht vom eingesperrten Panther („Hinter tausend Stäben keine Welt“).

Liebe zum Detail

Nicht minder interessant ist das weitere Personal. Das gilt vor allem für den noch stärker als Peters gegen sein komödiantisches Image besetzten Christoph Maria Herbst als Davids undurchsichtiger Personenschützer, bei dem sich Claire bis zum Schluss nicht sicher ist, auf welcher Seite er steht. Ohnehin liegt ein großer Reiz der Geschichte in der Ambivalenz der Figuren: Vermeintliche Freunde wie etwa Davids väterlicher Chef (Rudolf Kowalski) entpuppen sich als Feinde, Fremde werden zu Vertrauten. So wird unter anderem ausgerechnet Davids Sexverhältnis Sabina (Annika Blendl) zu einer unerwarteten Verbündeten, auch wenn Claire erst mal verkraften muss, dass ihr Mann mit dem Luxuscallgirl das Kind hatte, das ihr selbst stets verwehrt geblieben ist.

Sogar die kleine Tochter ist clever eingeführt: Zum Auftakt des Films sitzt Claire am Rande eines Spielplatzes. Das Bild der verwaisten Schaukel ist eigentlich abgeschmackt, aber vor ihrem geistigen Auge sieht sie ein Mädchen, das genauso aussieht wird wie Sabinas Tochter. Dass David von Hans-Werner Meyer verkörpert wird, ist natürlich pure Verschwendung, gibt der Rolle aber das nötige Format. Entsprechend bewegend ist die Trauerfeier, zumal der Pink-Floyd-Klassiker „Wish You Were Here“ in der Darbietung durch Harfe und Geige direkt auf die Tränendrüse drückt. Als Claire später beinahe Opfer eines Mordversuchs wird, erklingt der Song erneut und wird auf diese Weise zur Todesmelodie.

„Kalt ist die Angst“ hat eine Vielzahl solcher Kleinigkeiten zu bieten. Nicht, dass es eines weiteren Belegs bedurft hätte, aber natürlich zeigt gerade auch diese Liebe zum Detail die Sorgfalt, mit der Douven die Geschichte konzipiert und Kürten sie umgesetzt hat. 

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