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"Fortitude", Arte Sterben verboten

Mordermittlungen im ewigen Eis – trotz Krimifülle in den Programmen eine Ausnahmesituation. Die Serie „Fortitude“ beginnt vielversprechend. Doch dann wird‘s monströs.

Max (Michael Obiora, li.) und Yuri (Emil Hostina, re.) führen nichts Gutes im Schilde. Foto: © SWR/Sky UK Limited

Hildur Odegard (Sofie Gråbøl) hegt ehrgeizige Pläne. Fortitudes Minen sind erschöpft. Damit geht den rund 800 Bewohnern der vor Norwegen gelegenen arktischen Insel die Lebensgrundlage verloren. Gouverneurin Odegard stemmt sich gegen den drohenden Niedergang und plant ein spektakuläres Projekt: Ein Hotel soll in den alles überragenden Gletscher hinein gebaut werden. Ein Eispalast sozusagen. Alles wartet nur noch auf das Umweltverträglichkeitsgutachten von Professor Charlie Stoddart (Christopher Eccleston). Dem Vernehmen nach soll es positiv ausfallen. Aber dann machen zwei Kinder eine ungewöhnliche Entdeckung. Gerade noch hatte die Gouverneurin einer Gruppe von Reiseveranstaltern Fortitude als „sichersten Ort der Welt“ angepriesen. Damit ist es nun vorbei. 

Das erste Opfer 

Ohnehin hatte die Gouverneurin ein wenig geflunkert. Verkehrte Welt: In Fortitude werden Wanderer von der Polizei gezwungen, Waffen zu tragen. Auch die Kinder gehen nie ohne Gewehr aus dem Haus. Denn die Insel ist die Heimat von Eisbären, der Mensch ein Eindringling in ihrem Reich. Was so ein zentnerschwerer Kaventsmann anrichten kann, erfährt der Zuschauer gleich in der Eröffnungsszene. Da wird der Tierfotograf Henry Tyson (Michael Gambon) Zeuge, wie ein Eisbär einen Menschen zerfleischt. Kein schöner Anblick.

Die nachfolgenden Todesfälle aber sind nicht den Bären geschuldet, auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein hat. Professor Stoddart wird tot aufgefunden, die Leiche ist übel zugerichtet. Unvermittelt sehen sich Polizeichef Dan Anderssen (Richard Dormer) und seine Mitarbeiter mit ungewohnten Aufgaben konfrontiert. Bislang erschöpfte sich ihre Tätigkeit in der Verwarnung unvorsichtiger Touristen und der Suche nach verirrten Wanderern. Jetzt gilt es, einen Mord aufzuklären.

Weil der Tote Brite war, wird dessen Landsmann DCI Morton (Stanley Tucci) ausgesandt, eigene Ermittlungen anzustellen. Was Dan Anderssen gar nicht gern sieht. Anderssen, selbst nicht frei von Makel, ist liebeskrank, einsam – und gefährlich. 

Grausame Natur 

Der Bergbau, der Strukturwandel, das Zentrum wissenschaftlicher Forschung, all das, was den fiktiven Ort Fortitude prägt, ist der Realität der Inselgruppe Spitzbergen entnommen. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Serienschöpfer Simon Donald eine vielschichtige Erzählung, in der mehrere Genremuster zusammenfließen. Die Basis liefert das Kleinstadtdrama, das auf dem Gebiet der TV-Serie weit über „Twin Peaks“ hinaus bis „Peyton Place“ zurückreicht, hinter adrette bürgerliche Fassaden blickt und dort Triebhaftigkeit, Heuchelei, kriminelle Energien ausmacht.

Mehr noch als nordamerikanische Kleinstädte aber ist Fortitude ein hermetischer Ort, auf einer Insel gelegen, geprägt von der arktischen Witterung und einer oft grausamen Natur. Der Kreis der Mordverdächtigen in dieser internationalen Gemeinschaft ist folgerichtig überschaubar. Der Krimiautor Stuart Kaminsky hat ein solches Szenario schon 1988 in „Kalte Sonne“ in höchst spannender Manier zu nutzen gewusst. Simon Donald erweitert das Muster um eine zeitgenössische Komponente: Als Folge des Klimawandels schmilzt das ewige Eis, es gibt Geheimnisse preis und setzt gefährliche Dinge frei. 

Klammheimliche Machenschaften 

Die zwölfteilige Geschichte, die als klassischer Krimi in ungewöhnlicher Kulisse beginnt, entwickelt sich peu à peu zum Ökothriller mit Horroreinschlag. Die Natur straft den an ihr verübten Frevel und frisst ihre Vergewaltiger. Die Episodenregisseure gehen, empfindliche Gemüter seien gewarnt, bei der Darstellung dieser Phänomene in die Vollen. Diese Drastik, die die späte Sendezeit erklärt, bekommt der Erzählung allerdings leider gar nicht.

Spannend ist der Beginn, wenn die Geheimnisse des Ortes in Andeutungen aufscheinen und der zugereiste britische Ermittler Morton mühsam versucht, das Geflecht zu entwirren – all die klammheimlichen Machenschaften, amourösen Affären, seltsamen Passionen. Auch für bitter-galligen Humor ist noch Platz. Der tödlich erkrankte Henry Tyson wird des Ortes verwiesen, denn es ist qua Verordnung verboten, in Fortitude zu sterben – es gibt dort keinen Friedhof, da Leichen im ewigen Eis nicht verwesen.

Solche skurrilen Details sprechen für die gewissenhafte Machart dieser Serie, die eine Art „Twin Peaks“ on Ice hätte werden können. Leider aber häufen sich zum Finale hin – möglicherweise eine Konzession an die US-amerikanischen Produktionspartner – die Übertreibungen. Da rückt die Erzählung dann in die Nähe von wüsten Öko-Horror-Filmen der B- und C-Kategorie, ein Genre, dem Simon Donald schon 2010 mit dem Fünfteiler „The Deep“ frönte.

Unter einem Gesichtspunkt aber ist „Fortitude“ ausgesprochen interessant: Im Februar startet im ZDF die von Regissseur Baltasar Kormákur initiierte und koproduzierte isländische Serie „Trapped – Gefangen auf Island“, die eine verwandte Exposition aufweist. Da und mit der inzwischen fertiggestellten zweiten Staffel von „Fortitude“ ergeben sich Gelegenheiten zu reizvollen Vergleichen. 

„Fortitude“, Donnerstag, 19.1., ab 22:25 Uhr je drei Folgen, Arte

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