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„Eyewitness“ Gangster-Papa mit frühreifer Tochter

Ein schwules Liebesspiel, ein Gemetzel in den norwegischen Wäldern – der Krimisechsteiler „Eyewitness“ geht gleich zu Beginn in die Vollen. Doch im Weiteren hapert es bei der Glaubwürdigkeit.

Eyewitness
Die 15-jährige Zana (Tehilla Blad) läuft mitten in der Nacht in zerrissenen Kleidern den Grünstreifen des Highways Richtung Oslo entlang. Foto: Thomas Ekström/NRK

Henning (Odin Waage) braust nachts mit seiner Motocross-Maschine durch den Wald. Sein Mitschüler Philip (Axel Gehrken Bøyum) begleitet und bewundert ihn. Henning lässt Philips Liebe zu, auch körperlich, besteht aber darauf, ihre Liaison nach außen hin geheim zu halten. Denn Henning hält sich nicht für schwul.

Die ungleiche Beziehung wird für beide noch zu einem gehörigen Problem. Denn während eines erotischen Stelldicheins in der Kiesgrube von Hennings Vater werden die Teenager Zeugen eines bizarren Vorgangs: Ein Auto kommt angefahren, Rocker ziehen einen nur spärlich bekleideten Mann aus dem Kofferraum, wollen ihn offensichtlich hinrichten. Doch der entreißt einem der Beteiligten die Pistole und erschießt jeden, der ihm vor die Mündung kommt. Er entdeckt auch die Jungs in der Baracke, aber Henning kann ihn niederschlagen, ihm die Waffe entwenden, mit Philip fliehen. Zur Polizei will er nicht – ihr Techtelmechtel würde auffliegen. Fortan leben die beiden in höllischer Angst.

Die Polizei der auf halbem Wege zwischen Oslo und der schwedischen Grenze gelegenen Kleinstadt Mysen nimmt die Ermittlungen auf. Die Leitung hat Helen Sikkeland (Anneke von der Lippe) – Philips Ziehmutter. Wegen der Verstrickung einer notorischen Rockerbande stoßen zwei Osloer Kollegen von der Abteilung Organisierte Kriminalität zum Team. Sie belächeln die Provinzpolizistin ein wenig, doch die war früher bei der Osloer Mordkommission. Sie weiß genau, was zu tun ist. Und ahnt schnell, was sich bald darauf bestätigt: Einer der erschossenen Rocker war ein Informant. Und noch eines kann sie ermitteln: Bei der Schießerei war eine weitere Person anwesend, die spurlos verschwunden ist.

In dem sechsteiligen norwegischen Krimi, den Arte nach 2015 ein weiteres Mal ausstrahlt, führen die Spuren ins Rockermilieu und weiter zur Drogenbande um Hamit Milonkovic (Mahmut Suvakci). Die Schießerei im Wald bei Mysen setzt weitere Verbrechen in Gang, provoziert einen Bandenkrieg. Vor Hamits Nachtclub explodiert eine Bombe. Und seine 15-jährige Tochter Zana (Tehilla Blad), die bei der Mutter lebt und zum Vater durchgebrannt ist, gerät in tödliche Gefahr.

„Eyewitness“ wurde von Jarl Emsbull Larsen erdacht, als Autor, Produzent und Regisseur ein Routinier in Sachen Fernsehkrimi. Das Format „Eyewitness“ funktioniert leidlich, sofern man in Sachen Glaubwürdigkeit – gleich mehrere Ermittler sind privat in den Fall verstrickt – ein Auge zudrückt, aber Larsen gelangt selten über eine reine Mechanik hinaus. Die Protagonisten gleichen eher Figuren auf einem Spielbrett als sorgfältig ausgearbeiteten Charakteren, obschon die durchweg guten Schauspieler ihr Bestes geben, ihnen Leben einzuhauchen. Vor allem die jungen Mitwirkenden überzeugen und wecken die Empathie des Publikums, desgleichen Anneke von der Lippe in ihrer Rolle der zwischen Beruf und Familie hin und her gerissenen Polizeichefin; sie gewann für ihre Leistung einen Internationalen Emmy.

Überdies schwingt bei vielen Szenen unverkennbar pures Kalkül mit. Häufiger als nötig muss die – im Film – 15-jährige Zana ihren Rock lüften. Sie wird als schwärmerische, sirenenhafte Lolita in Szene gesetzt, die nicht zögert, als Gegenleistung für eine Mitfahrgelegenheit einen Lastwagenfahrer zu verführen und die eine Beziehung zu einem erwachsenen Mann unterhält. Hinter dem Anschein, von jugendlicher Tragik erzählen zu wollen, verbirgt sich ein spekulatives Element, das für die Handlung letztlich ohne Bedeutung bleibt.

Arte zeigt je drei Folgen der ursprünglich vom WDR eingekauften Produktion am Stück und bietet damit zwei spannende Abende, kann mit dieser Serie aber höheren Ansprüchen kaum genügen.

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