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„Einstein“, Sat 1 Ein Genie in Zeitnot

Die sehenswerte Krimikomödie ist temporeich, reizvoll besetzt und sollte dringend fortgesetzt werden.

24.03.2015 08:55
Tilmann P. Gangloff
Der neue SAT.1-Ermittler Felix Winterberg alias "Einstein" (gespielt von Tom Beck). Foto: obs

Abgesehen von einem „Tatort“ aus Leipzig hat Thomas Jahn, dessen Regiekarriere Ende der Neunziger mit den Kinofilmen „Knockin' on Heaven's Door“ und „Kai Rabe gegen die Vatikankiller“ fulminant gestartet ist, in den letzten Jahren nur noch Serienfolgen inszeniert. Es mag Zufall sein, aber auch der Sat.1-Film „Einstein“ wirkt wie ein Pilotfilm; und das keineswegs bloß, weil der Titelheld aus einem US-Serienimport stammen könnte.

Dort gibt es solche Figuren regelmäßig: Ein etwas verschrobener, aber brillanter Kopf steht der Polizei in komplizierten Fällen als Berater bei. Der große Vorteil dieser Konstellation ist das breite Genrespektrum: Der kauzige Protagonist sorgt für die Comedy-Momente, die Suche nach den Ganoven bietet Krimispannung, und je nach Personal können sich rund um den Helden romantische oder melodramatische Handlungsstränge ergeben.

Das Drehbuch (Matthias Dinter, Martin Ritzenhoff) kostet dieses Potenzial voll aus: „Einstein“ ist gleichzeitig Krimi, Komödie, Melodram – und sehenswert. Jahn legt dank entsprechender Kameraführung und einem flotten Schnitt ein erstaunliches Tempo vor, allerdings aus gutem Grund: Seinem Helden läuft die Zeit davon. Felix Winterberg (Tom Beck), Anfang dreißig, begnadeter Bochumer Physiker, Ururenkel von Albert Einstein und daher ebenfalls Einstein genannt, leidet unter der unheilbaren Erbkrankheit Chorea Huntington; er hat noch sieben Jahre, dann wird sein Gehirn beginnen, sich zu zersetzen.

Das erklärt die Rastlosigkeit, die auch Jahns Inszenierung prägt: Winterberg hat keine Zeit zu verlieren, wenn er die Energieprobleme der Menschheit lösen will, bevor sich sein Gehirn verabschiedet; mit Hilfe von illegalen Aufputschmitteln reduziert er sein Schlafbedürfnis daher auf das Nötigste. Als er wieder mal mit dem Gesetz in Konflikt kommt und im Polizeirevier auf seine Vernehmung wartet, nimmt er Kommissarin Elena Lange (Annika Ernst) kurzerhand die Arbeit ab und erledigt in drei Minuten, was eine Sonderkommission nicht in einem Jahr geschafft hat: Er überfährt einen mutmaßlichen Mörder, der überzeugt war, er habe das perfekte Verbrechen begangen.

Die Kommissarin ist zwar beeindruckt, hält Winterberg aber trotzdem für einen arroganten Schnösel. Ihrem Chef Tremmel (Rolf Kanies) ist das egal: Als in einer Wohnung eine Bombe explodiert und der Physiker die vermeintliche islamistische Terrorzelle als Drogenlabor enttarnt, schlägt Tremmel dem Wissenschaftler einen Deal vor: Die Polizei vergisst die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, im Gegenzug hilft Winterberg als externer Berater bei der Suche nach dem Mörder; und die alles andere als begeisterte Elena Lange soll aufpassen, dass er keine Dummheiten macht.

Die Kombination ist zwar nicht originell, aber reizvoll: hier die kühle Kommissarin, dort der hyperaktive Professor, der dank seiner Attraktivität nicht nur seinen Studentinnen den Kopf verdreht; bloß Lange ist selbstredend immun gegen seinen Charme. Dass sie nach und nach trotzdem Sympathie für Winterberg empfindet, liegt an ihrem Sohn: Der kleine Leon hat einen Herzfehler und muss operiert werden.

Er betrachtet Winterberg als Leidensgenossen und ist fortan der einzige Mensch, für den sich der rasende Physiker Zeit nimmt; auf diese Weise hat der Film auch bewegende Momente.

„Einstein“ hat eine Vielzahl origineller Drehbuchideen zu bieten, und Jahns rasante Umsetzung wirkt durch die elektronische Musik von Karim Sebastian Elias noch temporeicher. Wo anderswo nur die SMS-Nachrichten abgebildet werden, da sieht Winterbergs geistiges Auge zudem überall physikalische Formeln.

Trotzdem ist die große Stärke des Films die Kombination der beiden Hauptdarsteller. Zunächst scheint Tom Beck, fünf Jahre lang Autobahnpolizist in der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“, den Physiker allzu überdreht zu verkörpern, aber natürlich ist dieses Tempospiel Teil des Konzepts.

Annika Ernst wiederum, Hauptdarstellerin der ZDF-Samstagserie „Herzensbrecher“, ist mit ihrer sparsamen Art ein guter Gegenentwurf; Jahn, der auch die Kamera geführt hat, sorgt dafür, dass das Rot ihrer Haare und das Blau ihrer Augen besonders gut zur Geltung kommen. Schade nur, dass man viel zu früh ahnt, wer der Schurke der Geschichte ist.

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