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„Die Toten von Turin“ Leichenblass und leidenschaftlich

Nach „Gomorrha“ zeigt Arte eine weitere Produktion von der Apennin-Halbinsel. Die kommt zur Abwechslung ohne Mafia aus.

Die Toten von Turin
Vor lauter Verzweiflung klammert sich Giancarlo Damiano (Gian Marco Tognazzi) an das Turmspringen, worin er seine ermordete Tochter Sara trainiert hatte. Foto: La RAI

Verkniffener Mund, die Augen umschattet, das Gesicht so blass wie die Toten, mit denen sie regelmäßig zu tun bekommt – man sieht es ihr an: Die Turiner Mordermittlerin Valeria Ferro (Miriam Leone) nimmt mehr Anteil an ihren Fällen als ihr guttut. In ihrem Inneren arbeitet es, im Kollegenkreis verhält sich Ferro oft ruppig und unbeherrscht. Besonders beliebt ist sie nicht. Sie legt auch keinen Wert drauf.

Ausgleich findet sie in ihrer Familie, bei ihrem Bruder Giacomo (Davide Iacopini), dessen Frau Michela (Viola Sartoretto) und deren gemeinsamer Tochter. Dieser Rückhalt aber geht verloren, als ihr Bruder ohne Valerias Wissen beider Mutter zur vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis verhilft.

Der Serienschöpfer Claudio Corbucci und seine Autoren enthüllen erst nach und nach, welches Verbrechen Lucia Ferro (Monica Guerritore) begangen hat, warum Valeria der Mutter nicht begegnen möchte – und welches Geheimnis sich mit der Tat verbindet. Dieser familiäre Hintergrund liefert den übergreifenden Spannungsbogen der italienischen Krimiserie „Die Toten von Turin“, im Herkunftsland „Non uccidere“ betitelt, er erklärt auch Valerias Wesen und die Nachsicht, die sie seitens ihres Vorgesetzten genießt.

Ihre Kriminalfälle löst sie mit wachem Blick, verbissener Hingabe und einer guten Portion Intuition. In der ersten Episode wird in einem verlassenen Industriegebäude die Leiche einer 15-jährigen Turmspringerin gefunden. Der Vater erhält die Nachricht, während er im Fernsehen in der Live-Sendung „Delitti e Misteri“ – Verbrechen und Geheimnisse – um Hilfe bei den Nachforschungen bittet. Ein zynisches Manöver der Redaktion, um vor laufender Kamera die Reaktionen des gepeinigten Mannes einzufangen.

Das Serienkonzept des Genrespezialisten Claudio Corbucci mischt die episodische mit der fortlaufenden Erzählweise. Der italienische Sender RAI strahlte die zwölf Kapitel der Serie, eine Produktion von Fremantle Media Italia, als 100-minütige Episoden aus, in denen der jeweilige Kriminalfall am Ende eine Auflösung fand. Für den Auslandsverkauf wurden, eine gängige Praxis, 50-Minuten-Fassungen geschaffen, sodass sich die einzelnen Kriminalfälle nun auf zwei Folgen verteilen. Arte zeigt vorerst sechs Folgen mit 50-minütigem Zuschnitt, jeweils zwei davon donnerstags am Stück. Womit es aufs Gleiche hinausläuft: Das Publikum erfährt am Ende, wer der Täter ist, bleibt aber neugierig, wie es mit Valeria Ferro und ihren Angehörigen weitergeht. Die Fortsetzung wird für den Sommer angekündigt.

Im kaleidoskopartigen Vorspann deutet es sich schon an: Familienzusammenhänge liefern dieser Serie ein durchgängiges Grundthema. Der ehrgeizige Vater, der seine Tochter im Sport zu Spitzenleistungen treibt, eine zerrüttete Bankierssippe, ein untreuer Tätowierer mit schwangerer Frau aus gutem Haus, die Schuld hat am Unglück einer anderen Familie. Gerade bei solchen Fällen verhält sich Valeria Ferro, die ohne Vater und in Abwesenheit der Mutter aufwuchs, besonders leidenschaftlich und nicht immer nach Vorschrift. Erzählt wird nicht nur aus Perspektive der Ermittler, die Autoren versetzen die Zuschauerschaft an die Seite der Opfer und möglichen Täter, zeigen die Auswirkungen des Verbrechens, Verzweiflung und existenzielle Not, Traumata und die Bemühungen, das Geschehene zu verarbeiten. Manche Protagonisten finden einen Weg, andere scheitern tragisch.

Realismus und intensive Inhalte unterscheiden „Die Toten von Turin“ von formelhaften Routinekrimis. Leider aber wird auch bei dieser Serie bisweilen zu Versatzstücken gegriffen: In Folge 6 sucht Valeria Ferro einen hochgradig Verdächtigen unbegleitet in seinem Zuhause auf, schleicht sich in dessen Anwesenheit in seinen Keller, findet ein belastendes Indiz und wird natürlich im nächsten Moment vom Täter gestellt – wenn sich Kriminalpolizisten derart dumm verhalten, ist das zumeist ein Zeichen für mangelndes Geschick des verantwortlichen Autors.

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