Lade Inhalte...

BBC-Serie Sherlock wird Mensch

Die Vierte Staffel der BBC-Serie lässt sich wieder nicht lumpen. Aber wo ist am Ende der Hochleistungs-Soziopath?

Sherlock - Die sechs Thatchers
Sherlock, John, Rosamund, Bluthund, Mary. Foto: (ARD Degeto/Programmplanung und P)

Was soll man noch mit einem Detektiv anstellen, der schneller kombiniert als jeder Hochleistungscomputer? Der Fälle im Minutentakt löst mit messerscharfen, äh, SMS wie: „Wenn Hund nicht schwimmen kann, ist Nachbar der Mörder“?

Der sich mit „Tatort“-Kleinigkeiten bloß langweilen würde (Irgendjemand wurde von irgendwem ermordet? Gähn) und der frohlockt: „Endlich eine Schlinge, in die ich meinen Hals stecken kann“? Der also ein Soziopath ist und dazu steht? Man lässt ihn zum Menschen werden. Das geht in der vierten – und womöglich trotz der Folge „Das letzte Problem“ keineswegs letzten – „Sherlock“-Staffel der BBC irgendwie in Ordnung.

Benedict Cumberbatch ist sowieso und allemal cool genug. Aber gelegentlich vermisst man den alten, in Sachen Empathie so herrlich inkompetenten Sherlock doch. Zu Beginn von „Die sechs Thatchers“ (4. Juni) tut Holmes noch sein verständnisloses Bestes und belehrt Baby Rosamund, Kind von Mary und John (die tollen Amanda Abbington und Martin Freeman): „Wenn du die Rassel behalten willst, dann wirf die Rassel nicht weg.“ (Baby brabbelt und lässt die Rassel fallen.)

Aber Sherlock schwört auch, die kleine Familie immer zu beschützen. Aber er wird seinen Schwur nicht halten können. Man ahnt, dass er von da an nicht nur der Kombinierer mit dem schnellsten Gehirn, sondern auch der Freund mit dem schlechtesten Gewissen der Welt sein wird. Aber wie immer in dieser rasanten, Wahrscheinlichkeiten souverän spottenden TV-Serie spart „Die sechs Thatchers“ – angelehnt an Arthur Conan Doyles „Die sechs Napoleons“ – nicht mit Finten, Haken, wenden die Macher globale Krimi- und Thrillerklischees ungeniert an und drehen sie um.

Es muss schon das Aquarium mit den Riesenglasflächen und großen Haien sein, wo sich Täter und Detektiv treffen. Aber was wollte der Täter mit seiner ruchlosen, grausamen Tat? „Bloß ein bisschen Ruhe und Frieden“. Weiter geht es mit „Der lügende Detektiv“ (5. Juni). Aber warum lügt er? Um einen Freundschaftsdienst zu leisten. Ist das nicht ein wenig, nun ja, unwahrscheinlich in Hinblick auf Sherlock Holmes?

Immerhin überführt er im Laufe der Charade – John Watson: „Sherlock twittert, es steht wirklich nicht gut um ihn!“ – den schlimmsten Serienmörder Großbritanniens. Der schon deswegen eingesperrt gehört, weil er die sich so wunderbar für Wortspiele eignende englische Sprache dafür missbraucht, in aller Öffentlichkeit zu gestehen.

„Ich bin ein Cereal Killer“, sagt er und schiebt sich für eine Werbeaufnahme Müsli in den Mund. Alle hören „cereal“. Alle? Sherlock hört „serial“. Und dann „Das letzte Problem“ (11. Juni). Weil die „Sherlock“-Macher sich offenbar keineswegs Sparsam- und Kleinmütigkeit vorwerfen lassen wollen, rühren die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss (er spielt außerdem Mycroft Holmes) hier noch einmal alles zusammen, was die Welt an Erzählmustern, Horror-, Thriller- und Actionfilmvorbildern zu bieten hat. (Und ja, beinah klammert man sich bibbernd an den Couchtisch.)

Das finale Rätsel freilich, das Sherlock zu lösen hat, liegt in seiner Kindheit, nun, nicht nur metaphorisch begraben. Um ein Haar, erfährt man nebenbei, hätten die Geschwister Holmes ganz normal werden können – da hat man als Zuschauer ja noch mal Glück gehabt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen