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„Tatort: Mitgehangen“, ARD Die pulverisierte Familie

Der Kölner Tatort „Mitgehangen“ erzählt auch von der Geschwindigkeit, mit der alles kaputtgehen kann.

Tatort: Mitgehangen
Herkömmliches Familienleben im Hochsommmer. Foto: WDR

Der Kölner Tatort führt derzeit anscheinend sein eigenes Experiment durch. Aufgabenstellung: Drehe einen Krimi, in dem sich nicht einmal Spuren von dem finden, was in der gegenwärtigen Debatte als experimentell eingestuft würde, und schau, ob das interessant ist. „Bausünden“ führte im Januar zu einer Konstellation, die nostalgisch war, und das war mit Abstand das Beste, was sich darüber sagen ließ. „Mitgehangen“ an diesem Sonntagabend ist ein anderer Fall. Auch hier gibt es zwar 1 Leiche, 1 Familie, 2 Firmen und 2 Hauptverdächtige, die zudem alles tun, um den Verdacht der Polizei und der Zuschauer auf sich zu lenken. Auch bedarf es keiner Zauberkunst, um das Rätsel zu lösen. Johannes Rotter (Buch) und Sebastian Ko (Regie) setzen aber aus dem Baukasten für den Fernsehkrimi diesmal ein Eigenleben gewinnendes Teil zusammen. Es erzählt von der Pulverisierung eines bescheidenen Familienglücks binnen weniger Tage.

Das lässt nicht kalt, zumal Ermittler Ballauf, Klaus J. Behrendt, die Pulverisierung aktiv vorantreibt. Er hat sich verbissen in die Vermutung, dass es der Reifenwerkstattchef, Moritz Grove, selbst war, der seinen offenbar ziemlich unerfreulichen Kompagnon ermordet hat. Dessen Leiche lag im Kofferraum eines versenkten Autos, auch ein Aal war dabei, eine scheußliche Szene, die Ballauf irgendwie demoralisiert. Angesichts des Sees fällt ihm zudem ein, wie schnell er ihn einst durchkraulte, so dass er melancholisch und aktionistisch wird. Jäh nimmt er das Schwimmtraining wieder auf, aber im Schwimmbad, nicht bei den Aalen. Und wettet zehn Euro gegen den Reifenwerkstattchef. Zehn Euro.

Bemerkenswert, wie das Buch das einfach einmal stehen lässt, die Abgebrühtheit, die Kaltschnäuzigkeit einer Spürnase, die seit Jahrzehnten dasselbe macht. Während Schenk, Dietmar Bär, empfiehlt, auch in andere Richtungen zu denken, ist Ballauf stur nach Art vergreisender Männer. Während Schenk mahnt, es gebe auch Grenzen, schikaniert Ballauf den Reifenwerkstattchef, wie es sonst nur schurkische Polizisten tun, bevor die Interne eingreift. Dabei gibt es noch diesen 2. Verdächtigen, mindestens, und insgesamt lösen sich eigentlich sämtliche Alibis in „Mitgehangen“ auf wie Brause. Noch rascher aber, wie gesagt, das Glück. Das Wetter ist provozierend gut. Vater und Sohn gehen gerne nachts angeln. Die Tochter hat in Kürze Geburtstag. Die Mutter ist Lavinia Wilson. Aber schon geht alles den Bach runter.

Grove und Wilson spielen das unaufwendig und überzeugend, auch die Teenager-Kinder, Alvar Goetze und Letizia Caldi. Auch den netten, nur so einen Hauch scharwenzelnden Mitarbeiter Otto, Sebastian Hülk, auch die standfest wirkende Chefin der Kranverleihfirma, Lana Cooper. Solche Menschen gibt es. Dazu Polizisten, die nicht zu ethischer Hochform auflaufen.

Helle Freude bereitet Roland Riebeling als Jütte, der den beiden Kommissaren ihren Tobias ersetzen soll. Jütte ist eine Katastrophe, wie man sie auf der Arbeit zuweilen trifft, hier aber noch mit einem rheinischen Singsang. Jütte hat jedoch seine lichten Momente, und auch die tragen dazu bei, eine Geschichte weiterzukurbeln, die psychologisch einleuchtet, filmisch flott ist und dramaturgisch die Hauptkommissare Zufall, Fügung, Glück und Pech geschickt einsetzt. Die Einweisung des Reifenwerkstattchefs in die U-Haft, der Besuch seiner Frau dort: Selbst wenn es nicht so ist, könnte es doch so sein, und man hat es lange nicht mehr so „echt“ gesehen.

Da auch die Stimmung nicht zu kurz kommen soll, kann Leonard Cohen in Ruhe „It Seemed the Better Way“ singen. „Es klang wie die Wahrheit, aber heute ist es gar nicht die Wahrheit.“ Da auch Schenks Currywurst-Stichwort Ballauf nicht vom Schwimmen abhält, ist das ein herber Tatort.

„Tatort: Mitgehangen“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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