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Tatort Kein ganz normaler Fall

Ein gewitzter Münchener „Tatort“ über verkrampfte Ermittlungen in einer jüdischen Gemeinde.

Kommissare mit Kippa: Leitmayr ( l.) und Batic. Foto: br

Ein „Tatort“, der „Ein ganz normaler Fall“ heißt, kann kein ganz normaler Fall sein. Diesmal liegt es daran, dass er in der jüdischen Gemeinde in München spielt. Ein Mann liegt tot im Gemeindezentrum, die Staatsanwaltschaft ordnet Fingerspitzengefühl an.

„Ein ganz normaler Fall“ lässt nichts aus, von den pseudo-hebräisch lateinischen Zier-Buchstaben, die die Namen im Vorspann attraktiv umnebeln über den kleinen Volkshochschulkurs jüdische Sitten und Gebräuche bis zum Dachau-Gedenkstätten-Besuch von Hauptkommissar Leitmayr als didaktische Schlusspointe. Umso beeindruckender ist es, was für einen gewitzten, bösen Film die Drehbuchautoren Daniel Wolf und Rochus Hahn sowie der Regisseur Torsten C. Fischer für den Bayrischen Rundfunk trotzdem daraus gemacht haben.

Bei der Festnahme eines orthodoxen Juden fällt dessen Kippa herunter, Kinder machen Handyfotos davon, die am nächsten Tag in der Boulevardpresse stehen. „Der Baum brennt“, sagt der Staatsanwalt. Das Hüterl, sagen die Ermittler, sei halt heruntergefallen. „Da verstehen unsere jüdischen Mitbürger keinen Spaß“, sagt der Staatsanwalt. Da zeigt Leitmayr auf seine Nase und hat eine jüdische Großmutter. „Das ist gut, das ist sehr gut“, sagt der sehr erleichterte Staatsanwalt. Man müsse sich dennoch entschuldigen. „Sie wissen doch, wie die sind.“ Die Hausmeisterin kommt im Gespräch über eine jüdische Hausbewohnerin nach 30 Sekunden auf ihre Mutter, die schon immer vom „stechenden Blick der Juden“ erzählte, „wo unsern Heiland ermordet haben“.

Kollege Batic ist gereizter Stimmung. Auf der Herrentoilette des Polizeipräsidiums hat er eingangs gehört, wie die Kollegen die „Polizist des Jahres“-Wahl unter dem Aspekt der „Ausländerquote“ diskutieren. Mindestens so geglückt wie die Dialoge sind allerdings wieder die Figuren der Ermittler, gerade weil Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl zunehmend wenig für ihre Glaubwürdigkeit zu tun scheinen. Sie sind einfach da. Die jüdischen Mitbürger ebenso. Als ebenbürtiger Mitstoiker steht den Polizisten ein Rabbiner gegenüber. Dass Leitmayr am Ende so in Schwung ist, dass er ihm noch die Leviten liest: blöd, aber geschenkt.

Was den Kriminalfall betrifft, müssen sich die Autoren etwas Mühe geben, die Kommissare anderthalb Stunden ignorieren zu lassen, was der Zuschauer früh ahnt. Es geht um diverse gut und weniger gut gehütete Geheimnisse. Ein ganz normaler Fall.

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