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Tatort „Ich töte niemand“ Im rabenschwarzen Raum

Der vierte Franken-Tatort macht endlich das Allerbeste aus Fabian Hinrichs und ist ansonsten allemal dunkel.

Tatort: Ich töte niemand
Kollegin Ringelhahn ist selbst verwickelt, hinter ihr steht aber Felix Voss: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs. Foto: BR/Hager Moss Film

Der neue Tatort aus Franken führt ehrgeizig in die Untiefen eines Berufs, der zwar von außen betrachtet spannend scheint – wie die heutige Regalaufteilung in Großbuchhandlungen dokumentiert –, den betreffenden Arbeitnehmer selbst aber in einen unerquicklichen, dazu stressigen Alltag verwickelt.

„Es gibt Leute“, erklärt  Mordermittler Felix Voss, „die kommen auf die Welt und arbeiten an was Schönem, bauen ein schönes Haus, machen Musik und so weiter, ihr ganzes Leben lang.“ Das Leben anderer wiederum – der Mordermittler – sei „ein schwarzer Raum, rabenschwarz. Wir jagen irgendjemanden, den wir nicht sehen“, und „wenn wir ihn haben, ist schon der nächste drin“. Dabei könne man eine Kirsche pflanzen, nach Paris fahren oder Chinesisch lernen.

Es ist aber nicht so sehr, was Felix Voss sagt, es ist, wie er es sagt, dass man unbedingt sofort weiter zuhören will. Und es liegt nicht so sehr an dem Ermittler Voss selbst, dass er in solchen Schwung gerät – und das eben war nur ein Ausschnitt aus dem ersten Schwung von dreien, vieren.

Es liegt an dem Schauspieler Fabian Hinrichs, der Drehbuchautoren, hier Max Färberböck, der auch Regie führte, und Catharina Schuchmann (das Team bereits des ersten Franken-Tatorts), offenbar inspiriert. Unvergessen sein Münchner Auftritt als Gisbert Engelhardt in „Der tiefe Schlaf“ (Ende 2012), einem der besten Tatorts aller Zeiten.

Noch keine der zuvor drei Nürnberg-Folgen hat so konsequent an die leidenschaftliche Wunderlichkeit des damaligen Gastermittlers angeknüpft. Obwohl es Hinrichs so liegt und die übermotivierten Ausbrüche der ruhigen Leute ja meist aufregender sind als die Exaltationen der Wibbeligen. Der Text, den Färberböck und Schuchmann für Felix Voss geschrieben haben, macht natürlich auch schmerzlich deutlich, wie verzweifelt viele Krimidrehbücher sich mühen, ihre Kommissare wenigstens mit auffallenden Hobbys oder Autos auszustatten. 

Der Höhepunkt ist ein, wie soll man es nennen, Dialog mit einem stumpfsinnigen, dabei großen und starken Schweigsamen. Felix Voss putzt ihn unheimlich runter, dann putzt der stumpfsinnige Schweigsame Felix Voss unheimlich runter. Dann geht man pragmatisch auseinander. Auch erfrischend: Es wird nicht immer alles nachbearbeitet, aufbereitet. Warum ist Felix Voss eigentlich so seltsam? Keine Ahnung.

„Ich töte niemand“, ein grammatikalisch salopper und inhaltlich bald auch unwahrscheinlicher Titel, überzeugt insgesamt mit einer gewissen Querlage gegenüber Krimikonventionen, auch wenn diese im Endeffekt weitgehend obsiegen. Wobei Konventionen ihren Charme haben. Voss’ Kollegin Paula Ringelhahn, Dagmar Manzel, die formal die wesentlichere (verwickeltere, betroffenere) Rolle spielt, würde zwischen Kirsche, Paris und Chinesisch Paris wählen. Das ist langweilig, aber Voss reagiert fidel. 

Ohnehin kann von schönen Dingen kaum die Rede sein. Am Anfang steht zwar eine Party bei Voss, die im Begriff ist, fantastisch aus dem Ruder zu laufen, aber da viele Polizisten anwesend sind, wundert sich keiner, als das Telefon klingelt und in die Stille hinein eine Leiche gemeldet wird. Zwei Leichen. Sie führen in ein nicht schönes Haus und von dort aus in andere nicht schöne Häuser, und die Polizei und das Publikum werden sich vorerst keinen Reim darauf machen können.
Auch, weil es in der Tat dunkel ist und schemenhaft zu erkennende Menschen schwierig einzuordnende Sätze sagen. Zum Beispiel: „Ich töte niemand.“ Hier tun sich am ehesten Längen auf, überhaupt herrscht eine gewisse Routine in der Darstellung von Ausländern und Einheimischen, Nazis und Neonazis darunter, ebenso in der Anbahnung weiterer kriminalistischer Komplikationen.

Ironisch gebrochen wirkt das wieder, wenn Kommissarin Goldwasser (Eli Wasserscheid) partout ein gewisses Teil nicht wiedererkennt und das Publikum wie im Kasperletheater rufen will: Da kennst du’s her, da, dort, guck hin! Es ist aber nicht sicher, dass das ironisch gemeint ist. Interessant auch, dass ständig versichert wird, alle (außer der Polizei, klar) hätten Angst, aber so richtig glaubt man es nicht. 

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