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„Tatort: Die Musik stirbt zuletzt“, ARD Schweizer in Echtzeit

Nach der Tatort-Sommerpause startet Dani Levy für die Luzerner mit einem recht originellen Krimi in die Saison.

Tatort: Die Musik stirbt zuletzt
Liz Ritschard und Reto Flückiger recherchieren schnell mal im Konzerthaus. Foto: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Den Schweizer, in Luzern spielenden Tatorten wird regelmäßig und zu Recht vorgeworfen, dass sie selbst bei brisanten Themen – Sterbehilfe zum Beispiel – letztlich unoriginell und etwas behäbig sind. Sie verkrampfen und verkämpfen sich, sie holpern über Unplausibilitätsschwellen. Auch blieben die beiden Ermittler – Delia Mayer als Liz Ritschard, Stefan Gubser als Reto Flückiger – durch alle bisherigen Fälle (der 13. des Duos steht nun an) eigentümlich konturlos.

Anders als ihre österreichischen Kollegen übrigens. Geholfen hat sicher nicht, dass die Filme ins Hochdeutsche synchronisiert werden. Geholfen hat außerdem nicht, dass ab und zu sich im Leben der Kommissare was erheblich zu verändern schien und später davon nicht mehr die Rede war. Die Quoten der Schweizer sind, im Vergleich zu anderen Tatorten, schlecht.

Im April wurde bekannt, dass die Schweizer den Luzern-Tatort auslaufen lassen und 2019 in Zürich ganz neu starten wollen. Nun, auf den vorletzten Metern und zum Auftakt nach der Sommerpause, wagen sie endlich was, mit dem Buch und in der Regie des auch dem Satirischen zugeneigten Dani Levy: „Die Musik stirbt zuletzt“ ist eine Art 90 (bzw. 88)-minütiges „24“, die Kamera folgt den Darstellern und einem hier mitspielenden Orchester, dem Jewish Chamber Orchestra Munich, durch das gläsern und metallisch schicke Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL), nur die nahe Umgebung kommt noch ins Spiel. 

Das ist aber nicht alles an formaler Kühnheit: Einer der Charaktere, ein Schlingel, wie es scheint, wendet sich immer wieder direkt an die Zuschauer – „aber ihr, ihr werdet euren Spaß haben“ oder „steht nicht im Drehbuch“ –, die Pianistin, Teresa Harder, öffnet eine KKL-Tür und wir sind für einige Augenblicke in der Vergangenheit und im Urwald. Dort ist die Musikerin noch ein Kind und findet ihre Mutter, die sich erschossen hat – oder erschossen wurde. 

„Die Musik stirbt zuletzt“ ist ein formal gewagter, den Zuschauer forsch und durchaus erfolgreich hineinziehender Tatort; was die Handlung und ihre Auflösung betrifft aber ist er allzu lässig, wenn er hopplahopp einen oder zwei Täter (wer weiß das schon) aus dem Hut zieht. Er hat Tempo – und wie auch nicht, wenn die Kamera dauernd eiligen, aufgeregten Personen hinterherhechelt –, aber er schafft keinen wirklich einleuchtenden Schluss. Auch keinen, der dem Ernst des Themas angemessen wäre: Rettung einzelner Juden durch finanziell davon profitierende Fluchthelfer in der Zeit des Nationalsozialismus. 

Es gibt also ein Konzert mit Werken verfolgter jüdischer Komponisten, es gibt einen eitlen Orchestermäzen, gespielt mit herrlichem Biss von Hans Hollmann, der, Wohltäter hin oder her, von den Gästen 10.000 Franken pro Karte verlangt. Die Luzerner Hautevolee scheint’s zu haben, denn der Saal ist trotz irgendwie unangenehmer „Freiheit für Palästina“-Demonstranten vor der Tür voll. 

Zunächst aber macht Hollmann (als Patriarch namens Walter Loving), seiner um Jahrzehnte jüngeren Chefjuristin, Uygar Tamer, vor im Foyer versammelter Gesellschaft einen Heiratsantrag und demütigt seinen Sohn Franky, Andri Schenardi, und seine Noch-Ehefrau, Sibylle Canonica. Zunächst wird unter den Musikern gewispert und offenbar etwas Wichtiges geplant. Dann geht das Konzert los und Gift kommt ins Spiel. 

Liz Ritschard befindet sich sowieso im Publikum (wie war das mit den 10.000 Franken?), Flückiger eilt im Fußballdress und mit einem Teenager im Schlepptau herbei. Ritschard deutet an, dass sie derzeit durch den Wind ist. Flückiger scheint seinen Job satt zu haben. Sie hängen sich rein, Verstärkung holen sie sich nicht. Womöglich unterschätzen sie, wie die Zuschauerin, was da noch abgehen wird.

Vieles wird hier zusammengerührt, stilistisch und thematisch, manches will dann doch nicht recht passen. Die Macher dieses Tatorts sind stolz darauf, dass das Orchester Werke von Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann, Marcel Tyberg, Gideon Klein spielt, doch naturgemäß ist davon wenig zu hören. Außerdem stellen sie die Frage, wer wie üppig daran verdiente, dass er Juden mit falschen Papieren oder anders zur Flucht verhalf. Aber schneller, als man sich dafür interessieren kann, biegen sie ab in eine Familien- und Eifersuchtsgeschichte. 

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