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Tatort „Die chinesische Prinzessin“ Liebesnacht in Leichenkammer

Mord, Verschwörung, internationale Diplomatie: Der WDR-Tatort „Die chinesische Prinzessin“ lässt nichts aus, was zur Drehbuchstandardausrüstung für Unterhaltungskrimis gehört.

Eigentlich ist die Lage ernst: Friederike Kempter und Yvonne Hung Hee, beobachtet von Axel Prahl als Kommissar Thiel. Foto: WDR/Willi Weber

Am Sonntagabend sind sie einmal wieder dermaßen lustig – und das ist nicht immer so –, dass es schwierig wird, ihnen ihr Doppelleben als Münster-Tatort- und Clowns-Duo zu verübeln. Orkun Ertener hat ihnen und ihrer Umgebung gute Gags geschrieben und Lars Jessen setzt sie trocken und beiläufig in Szene, genau so, wie es gute Gags brauchen. Es ist darum auch nicht einfach, sie schriftlich wiederzugeben.

Versuchen wir es einmal. Als Boerne, Jan Josef Liefers, unter den Verdacht gerät, Kokain konsumiert zu haben, sagt Thiel senior, Claus D. Clausnitzer, staunend: „Ich habe ihn immer für einen gepflegten Alkoholiker gehalten.“ Na ja, morgen Abend wird es komischer klingen.

Vielleicht ahnt man wenigstens, dass es schön ist, dabei zuzusehen, wie Boerne einer wahnsinnig attraktiven Frau mit seiner Leichenkammer zu imponieren versucht. Boerne schnauft vor Eifer, zumal er sein Glück kaum fassen kann (sehr zu Recht). Oder dass man gerne dabei ist, wenn Thiel, Axel Prahl, befürchten muss, er habe im Vollsuff eine Nacht mit der klugen Nadeshda Krusenstern, Friederike Kempter, verbracht.

Alles dabei

Denn „Die chinesische Prinzessin“ lässt nichts aus, was zur Drehbuchstandardausrüstung für Unterhaltungskrimis gehört: Auch nicht den dringenden Mordverdacht gegen einen der sonst an den Ermittlungen Beteiligten, auch nicht die retrograde Amnesie des Betreffenden, und selbstverständlich ist es Boerne, für den die ihm in den Schoß gefallene Liebesnacht in der Anatomie übel endet.

Er bekommt in Haft sofort einen auf die Nase, weil sofort jemand auftaucht, über den er in einem Gutachten etwas Unverschämtes geschrieben hat. Wie es möglich ist, dass der brave Boerne (der bald nicht mal mehr aussieht wie ein gepflegter Alkoholiker) gleich mit einem verurteilten Schwerverbrecher die Zelle teilen muss, wird sogar rasch noch irgendwie erklärt. Nicht mehr wird erklärt, wie er da so rasch wieder herauskommt. Gute Kontakte zur Polizei helfen.

Ausgelassen wird auch nicht die politische Verzwickung auf höchsten Ebenen, wo chinesische Diplomaten scharf schießen und von Mafiamitgliedern nicht zu unterscheiden sind und wo Beamte des Auswärtigen Amtes ausschließlich mit Vertuschung befasst sind. Und auch nicht den unsympathischen Kurator (nicht dass Thiel wüsste, was ein Kurator ist, aber unsympathisch findet er ihn auch). Und nicht einmal die Arie „Nessum dorma“, die aus dem Sonderkästchen „Opernmusik im Tatort“ herausgeholt wurde. Die Wahl fiel auf sie, weil so viele Chinesen anwesend sind, und sie lohnt sich, wenn Thiel, halbwegs informiert, „Turandot“ als „Splätter“ rubriziert.

Viele Versatzstücke

Flüchtig schimmert Skepsis gegen den Geltungsdrang regimekritischer chinesischer Künstler durch, eine Skepsis, die da hinten ein bisschen in der Gegend herumsteht auf einem weiten Feld. Wäre „Die chinesische Prinzessin“ eine Nuance ernster, könnte man sich darüber unterhalten, ob das glücklich ist.

Flüchtig werden wir auch noch über die Lage der Uiguren in Kenntnis gesetzt, aber wirklich flüchtig. Fast schon wie aus einer asiatischen Soap herüber schwappt das unglückliche junge Paar, das Gefahr läuft, unter die Räder zu geraten.

Versatzstücke also einerseits, aber Ertener, Jessen und die beschwingten und zugleich doch sinnig abgedämpften Schauspieler, tatsächlich wie klug unter dem Deckel gehalten, machen etwas draus. Außerdem macht Nadeshda Krusenstern ihrem Chef am Ende ein so hinreißendes Kompliment, nein, es ist ein 08/15-Kompliment, aber sie macht es so hinreißend, dass es lohnt, die krudeste Verschwörungstheorie – in Wahrheit glaubt man sie eh längst alle – und Schlussvolte hinzunehmen, um das auf keinen Fall zu versäumen.

„Tatort: Die chinesische Prinzessin“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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