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„Tatort: Auge um Auge“ Von Liebe und Wut

Der Tatort „Auge um Auge“ aus Dresden erzählt von bösen Versicherern, armen Schweinen und Ingo.

Tatort: Auge um Auge
Angestellte belauert Angestellte: Ramona Kunze-Libnow (l.) und Isabell Polak. Foto: MDR

Diesmal ist es wieder übersichtlich. Das bedeutet, dass gegen Ende verschiedene Verdächtige dick durchgestrichen werden, eine Person übrig bleibt und eine weitere Person aus unerfindlichen Gründen noch nicht in den Blick der Polizei geraten ist. Das bedeutet außerdem, dass die wirklichen Schurken die da oben sind und diesmal in der Chefetage einer Versicherung sitzen, die übel beschädigten Kunden Auszahlungen mit offenkundig dürren Begründungen verweigert.

Einem der Chefs schießt der Täter ins Bein. Vielleicht könne er nie mehr richtig gehen, heißt es, aber „er ist sicher gut versichert“, so die Kommissarin sardonisch. Das bedeutet ferner, dass zum Mord die Arie „O mio babbino caro“ aufgelegt wird, und irgendwie weiß man nachher nicht mehr den Grund dafür. Aber so will es die gute Fernsehkrimisitte: Wo der Mörder ist, ist auch die Klassik-LP nicht fern. 

Das bedeutet hingegen nicht, dass der Dresdner MDR-Tatort „Auge um Auge“ fad wäre. Das ist das überraschendste an diesem Krimi. Es liegt wohl an der Kombination aus den fidelen Sprüchen, die „Stromberg“-Autor und also Büro-Experte Ralf Husmann und sein Mitautor Peter Probst den Figuren in den Mund legen, und der sympathischen Nonchalance, die hier herrscht.

„Ich bin kein Idiot.“ – „Hat auch keiner gesagt.“

„Auge um Auge“ bewegt sich recht elegant auf dem schmalen Grat zwischen Quatsch und Tragödie. Die Regie und die Kamera machen mit, wenn Franziska Meletzky und Bella Halben beispielsweise die Szene auskosten, in der der Rollstuhlfahrer Böhlert (Peter Schneider) spektakulär eine Straße runterjazzt, dabei jedoch (vergeblich) seinen Suizid im Sinn hat. 
Es ist kalt in Dresden. Der Mann, der jetzt stirbt, hat eben noch gesagt „Hätte ist die kleine Schwester von Heul doch“, denn es ist zwar bald Weihnachten, aber die Leute in der Versicherung sind verbal und moralisch Rabauken. Und „Auge um Auge“ nicht nur verbal, sondern auch moralisch interessiert. 

Der vierte Fall des nicht immer, aber hier ziemlich interessanten Teams Sieland, Gorniak und Schnabel, Alwara Höfels, Karin Hanczewski und Martin Brambach, springt auf wenig originelle Art in die Aktualitäten, lässt dieses aber durch die Darsteller gut bezeugen. Sieland engagiert sich für syrische Flüchtlinge, vor deren Zahl sich Schnabel fürchtet. Sieland schenkt Schnabels alten Bürocomputer einer Syrerin. Schnabel, mit einem behäbigen Einfingersystem zugange und das auch noch erfolglos, will den alten Computer wiederhaben. Gorniak findet, dass der Klügere nachgibt, der Ältere auch, aber die anderen zischen sich in einem fort an. 

Wenn man nicht sich selbst an irgendeiner Stelle reden hört, dann Kollegen. Und wenn man auch die Kollegen nicht hört, dann erkennt man zwar nicht die Worte, aber die Streitsorte wieder. Sieland behandelt Schnabel mit einer fundamentalen Respektlosigkeit als dummen Menschen. Schnabel ist wie ein begossener Pudel, aber auch verärgert, aber dann auch wieder kontaktbereit. „Ich bin kein Idiot.“ – „Hat auch keiner gesagt.“ – „Aber gedacht.“ 

Sieland hat die Beziehung zu Ole (Franz Hartwig) aufgefrischt, aber so gut läuft es nicht (und am Sonntagabend könnte mancher ins Grübeln können, der eben noch vergnügt mit seinem Freund auf dem Sofa saß). Die Art, wie Kollege Ingo (Leon Ullrich) schon bereitsteht, hat zwar auch mehr „Stromberg“-Züge, als es einem Tatort ansteht, macht aber trotzdem Freude. Ingo ist ganz dumm vor Liebe. Eine milde Untertreibung liegt im Spiel und auch im Gerede. Zum Beispiel wird echt viel geraucht. „Raucher sind tödlich“. „Früher durfte man überall rauchen und dachte, schwul sein sei abartig. Heute ist es umgekehrt.“ Na ja. Natürlich gibt es Gründe, mit den Augen zu rollen, aber die Zeit vergeht wie im Flug.

Zum Showdown, auch das ist nicht neu, aber individuell ausgestaltet, geht es in die Büros der Versicherung. Schick und ethisch die klassische Tatort-Variante. Die Person, die den Mord begangen hat, argumentiert praktisch genauso wie die Kommissarin. Es gehe immer nur gegen die armen Schweine. „Gegen die reichen Schweine wütet niemand.“

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