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Tatort, ARD Wo die Stille der Dinge erklingt

Handelt es sich beim schön verrückten SWR-Tatort „Waldlust“ wieder einmal um einen „experimentellen Tatort“?

Tatort: Waldlust
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, 2.v.l.) und ihr Team (Peter Espeloer als Peter Becker, links, Lisa Bitter als Johanna Stern, 2.v.r., und Annalena Schmidt als Frau Keller, r.) hatten ein Teambildungsseminar geplant. Foto: SWR-Presse/Bildkommunikation

Das Improvisieren hat ihnen gefallen (mir auch) und sie probieren es nach „Babbeldasch“ gleich noch einmal. Diesmal aber ohne Laien und ohne Dialekt. Und ganz ungeachtet der Frage, ob es sich auch diesmal womöglich um einen so genannten „experimentellen Tatort“ handeln könnte, die Quote (2 im Jahr, hieß es nach dem ganzen vorangegangenen Gemecker beschwichtigend) also bereits Anfang März ausgereizt ist.

Auch ist „Waldlust“ eh ein echter Krimi mit Mord, Totschlag, einem Kreis von Verdächtigen und einem fabelhaften Schauplatz. Und einer von Martina Eisenreich komponierten Filmmusik, die eher eine Sinfonie ist und der heimliche Star des Unternehmens (tatsächlich wurde der Schnitt der Musik angepasst, was ihm bekommt).

Die ohne Kopper offenbar sofort in Krisenstimmung geratene Ludwigshafener Mordkommission fährt in den tief verschneiten Schwarzwald, um im titelgebenden Landhotel ein Team-Coaching-Wochenende zu absolvieren. Hier ist alles enorm sonderbar – gedreht wurde an einem Originalschauplatz, einem verlassenen, aber noch vollständig eingerichteten Gasthof. Die Atmosphäre ist entsprechend fantastisch, ohne dass Regisseur Axel Ranisch und sein Kameramann Stefan Sommer den Blick im Dekor baden lassen würden. Die Dinge sind, wie sie sind und zwar schon seit sehr langer Zeit.

Ermittlerquartett wusste nicht, wer der Täter ist

Die Handlung von Sönke Andresen – mit den nicht ausgeschriebenen Dialogen – orientiert sich daran: Lange war das Hotel geschlossen, einst Treffpunkt eines 60er-Jahre-Jetsets. Jetzt versuchen eine Frau und ihr Onkel, Eva Bay und Heiko Pinkowski, hier etwas aufzuziehen, aber was überhaupt, und halbherzig sind sie auch. Bei seinem ersten Auftritt hat er eine Mistgabel dabei und eine Mordswut im Bauch, nachdem er 15 Jahre vermutlich unschuldig im Gefängnis saß. Die Nichte ist mehr als verstört.

Als dritte wohnt hier der ehemalige Filmstar Lieselotte Viadot, Ruth Bickelhaupt. In einer göttlichen Szene wird Frau Viadot im Abendkleid vom jetzt im Smoking auftretenden Mistgabelwüterich in den Gastraum geführt, als Sensation fürs Auftaktabendessen der einzigen Gäste. Man kann sich ein Autogramm geben lassen und für 18 Euro eine DVD ihres berühmtesten Films kaufen (Titel vergessen, ist alles ausgedacht, aber gut ausgedacht). Frau Keller ist als einzige verhältnismäßig begeistert. Die Szene, natürlich nicht nur göttlich, sondern auch abgrundtief peinlich, löst sich dann eh auf. Im vegetarischen Ragout befindet sich ein Knöchelchen.

Huhn, vermuten die noch verlegen kichernden Kollegen, aber sie haben schließlich ihren Pathologen dabei, und der murmelt schon herrlich beiläufig, das sei doch viel zu schwer. Dann tippt er auf ein Säugetier und dann tippt er auf einen Menschenzeh. Während die ersten brechen gehen, erklärt er, dass es doch an vielen Orten Menschenknochen gebe (u. a. in alten Geisterbahnen). Das Abendessen ist jedenfalls beendet.

Wie man liest, wusste das Ermittlerquartett selbst nicht, wer der Täter ist (wobei man zu diesem Zeitpunkt noch fragen muss: welcher Tat?). Das macht sich aber kaum bemerkbar, denn Schauspieler lernen bekanntlich, ihr Wissen so lange für sich zu behalten, wie es dem Drehbuch erforderlich erscheint.

Gar nicht läppisch ist hingegen, wie Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, Lisa Bitter als Johanna Stern, Annalena Schmidt als Frau Keller und Peter Espeloer als Pathologe sich als Team durch die Sendung improvisieren. Am schönsten logischerweise in der einzigen noch durchgeführten klassischen Sitzung mit dem unfrohen Therapeuten Fröhlich, Peter Trabner. Odenthal will nicht, aber die anderen wollen schon. Berufsteilnehmer werden das atmosphärisch wiedererkennen, auch in seinen unvermeidlichen Plattitüden (dem Pathologen tut der umgekippte Kopper-Stuhl weh).

Wie im schönsten Tarantino gibt es noch ein Landpolizeipärchen, das von Christina Große und Jürgen Maurer mit viel Liebe zum Detail gespielt wird. Wie auch insgesamt Zeit blieb für die Kleinigkeiten des Miteinanders. Neben Pathologe Beckers lakonischer Zeh-Identifizierung ist dabei auch Frau Kellers bescheidener Frohsinn zu nennen. Sie macht Tai-Chi im Schnee, der inzwischen schon regelrecht depressive Therapeut, eben frisch sauniert im Schnee herumgekugelt, schließt sich ihr an. „Diese frisch verschneite Landschaft“, spricht Frau Keller, „ja, die lässt die Stille der Dinge erklingen.“ Womöglich doch ein experimenteller Tatort, aber ein großartiger.

 

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