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„Tatort“, ARD Nachts leuchtet ein Aquarium

Aber Axel Milberg als Borowski ist frisch wie am ersten Tag. Der Tatort aus Kiel.

Tatort
Aber nachts, da kommen die Geister: Ländliches Tableau mit Kommissar. Foto: Christine Schroeder/NDR

Ein weiterer Genrefilm aus dem Hause Tatort, diesmal aus Kiel vom NDR. Anders als der berüchtigte (total aparte) HR-Beitrag „Fürchte dich“ ist „Borowski und das Haus der Gespenster“ aber eine Variation auf „Gaslight“ (und auch „Rebecca“). Klaus Borowskis neue Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik), vorgestellt als gesunde Frau in einem gesunden Körper, kommt auch sofort darauf (auf „Rebecca“ hingegen nicht, aber hier ist die „Rebecca“-liebende Zuschauerin im Laufe des Abends eben wie der Ostfriese in der Knusperkügelchenwerbung). 

Der Chef, Roland (Thomas Kügel), ist bereits bei „Gaslight“ nicht im Bilde, worüber er nach Art des Chefs nonchalant hinweggeht. Eine schöne kleine Szene, und Mila Sahin erweist sich als gute Kumpanin, jung, gebildet, klug und durchtrainiert wie bis 2016 Sarah Brandt – der Anspruch an Kriminalistinnen ist offenbar generell höher als an Kriminalisten –, aber hundertmal unkomplizierter. Sie hat nichts gegen ein Tänzchen zum Warteschleifensong mit der fantastischen Zeile „Ihr Anruf ist uns wichtig“. Borowski lächelt gutgelaunt und hat vorerst nichts auszusetzen, rein gar nichts.

Aber zur Sache. Das Haus der Gespenster auf dem flachen Land in der Umgebung von Kiel gehört einem ehemaligen Freund Borowskis, der hier mit seinen beiden Töchtern und seiner zweiten Frau lebt. Da es sich um Thomas Loibl, Mercedes Müller, Emma Mathilde Floßmann und Karoline Schuch handelt, und da Loibl vom Jovialen mit einem Augenaufschlag ins Jähzornige wechselt, Müller eiswürfelkühl ist, Floßmann zugeknöpft und Schuch wie eine versehentlich hier hineingeratene Elfe, muss man sich über den Kreis der Verdächtigen nicht lange Gedanken machen. Er ist beisammen, bevor man weiß, worum es geht. 

Es geht darum, dass die erste Frau von Borowskis ehemaligem Freund vor einigen Jahren verschwunden ist. Jetzt spukt es, und die Gespenster haben es auf die zweite Frau abgesehen. Und nun werden Sie auf ungefähr vier Szenarien kommen, auf die das hinauslaufen könnte. Und eines davon wird richtig sein. Im Genrefilm geht es nicht um den Ausgang der Handlung, sondern um die Machart. Verblüffender darf es auf dem Weg zum „Ich wollte das doch alles nicht“ trotzdem sein.

Zumal Angsthasen – echte Angsthasen, Leute, die im Büro vor Schreck vom Stuhl fallen, wenn sie von hinten angesprochen werden – einer blöden Ambivalenz ausgesetzt sind. Obwohl fast alles klar und doch ausführlich und darum eine Spur fade ist, werden sie ständig nicht hinschauen können, weil Marco Wiersch (Buch) und Elmar Fischer (Regie) nicht müde werden, nächtliche Spukszenen zu inszenieren, über die wir leider keine näheren Auskünfte erteilen können. Jedenfalls leuchtet dabei eine Art Aquarium, es gibt unangenehme Geräusche und leibhaftige Gespenster treten auf. 

Borowski selbst hat schon damals den Ehemann verdächtigt, der darum ein ehemaliger Freund ist. Weitgehend ein ehemaliger Freund. Die Routinen des gemeinsamen Endlos-von-früher-Erzählens beim festlichen Abendessen funktionieren noch. Das gehört zu den heiter sommerlichen Tagszenen, denn an Atmosphäre ermangelt es dem „Haus der Gespenster“ weder im Hellen noch im Dunklen. 

Borowskis von Axel Milberg glänzend unterkühlt vorgetragene Neugier, die durch die norddeutschen Aspekte seiner Figur dennoch immer etwas schläfrig wirkt, erfreut und belebt das Tableau. Die Menschen gehen ihrem teils zwielichtigen, teils müßigen Tagwerk auf dem Lande nach, aber immer wieder biegt der Kommissar um die Ecke und schaut mal oder hat noch eine Frage. Er ist nicht Inspektor Columbo, er ist Borowski. Milberg macht bei dieser Gelegenheit auch deutlich, dass eine Balance aus Präsenz und Diskretion einen Tatort-Ermittler taufrisch hält.

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