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Tatort, ARD Keine Ahnung, worum es hier geht

Sibel Kekilli sagt zum Abschied laut „Scheiße“ im herrlich haltlosen Tatort „Borowski und das Fest des Nordens“.

Tatort: Borowski und das Fest des Nordens
Misel Maticevic als seltsamer Typ. Foto: Christine Schroeder/NDR

Schon wieder ein seltsamster Tatort der Saison. Zum Beispiel schaut man über weite Teile der Zeit dem Mörder zu, der zwar oft leidend schweigt, gelegentlich aber auch leidend spricht. Er hat es nicht gewollt, aber was wollte er dann? Das traditionelle Tatort-Zentrum – WAS HAT ER EIGENTLICH VOR? – bleibt leer. Nein, es ist noch frecher: Das Zentrum bleibt nicht leer, es fallen dort Andeutungen. Eine Summe Geldes, die Möglichkeit eines Bombenbaus. Aber da ist die Zeit praktisch schon rum, denn zu viel davon geht dafür drauf, dass Borowski und Brandt sich anschreien.

Vor allem Brandt schreit. Die Wände wackeln. Borowski sagt relativ friedlich: „Ich will Sie auch dreimal am Tag in die Förde schmeißen und tue es nicht.“ Brandt sagt keineswegs friedlich: „Ich mach Sie fertig, Borowski, ich mach Sie fertig.“ Es ist ein herrlicher, unwiderstehlicher Quatsch, manchmal eine Parodie auf das ganze Psychogerede in unseren Leben, manchmal nicht einmal das.

Borowski redet zuweilen irr. Brandt hat sie nicht mehr alle. Bei ihm liegt es daran, dass er die Folge „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ noch nicht verkraftet hat. Das war das Ende jener schaurigen Geschichte, an deren Anfang Lars Eidinger durch Wände gehen konnte. Bei seiner Rückkehr war er noch viel böser, und es hatte auch mit ihm zu tun, dass Frau Jung am Ende Borowski verließ. Allerdings ist das schon einen Moment her, laut NDR wurden andere Teile aus Gründen der Aktualität vorgezogen. Bei Brandt liegt es daran, dass sie neue Medikamente nimmt, zumindest schließt sie selbst das als Grund nicht aus. Der Zuschauer weiß außerdem, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr dabei ist. Allerdings war das beim Drehen des Films noch nicht klar.

„Borowski und das Fest des Nordens“, der 30. Tatort mit Axel Milberg, der 14. mit Sibel Kekilli, ist also mit Fug und Recht noch ein seltsamster Tatorte der Saison. Er laboriert an einer Vergangenheit, die uns schon wieder schier entfallen ist. Sie laboriert an einer Zukunft, von der sie nichts weiß.

Markus Busch hat das Buch dazu geschrieben (nach einer Idee von Henning Mankell), Jan Bonny führt Regie, beide – die ihrerseits nicht wissen konnten, dass es der letzte Tatort mit Kekilli sein würde – lassen die Figuren mit solcher Freude   in der Luft hängen, dass es unwiderstehlich ist. Die Handkamera ist dabei behilflich, die aber hier nicht Hektik, Nähe oder Pseudoauthentizität vermittelt, sondern das sanfte Delirium zumal Kommissar Borowskis. Milberg mit Schnauzer und unausgegorener Sympathie für den Mörder steigert sich ohne Frau Jung in so ein Männer-Frauen-Ding hinein. „Sie hat ihn genervt und er hat ihr das Licht ausgeknipst“, solche Sachen kommen ihm über die Lippen. Das würde nicht einmal der Mörder sagen.

Wer ist also nun der Mörder? Misel Maticevic spielt ihn mit noblem Minimalismus und zugleich als Sphinx. Direkt nach der „Rückkehr des stillen Gastes“ hätte das Lars Eidinger womöglich recht übertrieben wirken lassen. Maticevic ist einfach vorhanden und bemüht sich um wir-wissen-nicht-was und mit mittlerem Engagement. Es gibt eine irrwitzige Szene, in der er bei knallharten Burschen vorstellig wird, die sich auch knallhart benehmen, zugleich aber ein Baby betreuen müssen.

Das „Fest des Nordens“ ist die Kieler Woche, aber auch wenn der Kommissar „einmal im Jahr Schiffe sehen“ will, kann man dem NDR keine Verquickung mit der Tourismusbranche vorwerfen. Das Ereignis zeigt sich hier als Ansammlung von lärmenden Saufbrüdern, die der Polizei die Ermittlungsarbeiten erschweren und Brandt nachts den Schlaf rauben. Einmal rennt sie runter und verfolgt die lärmenden Saufbrüder mit etwas, das man für einen Golfschläger halten muss. Borowski tummelt sich hier mit einer kecken asiatischen Kellnerin, der er zuvor einen Heiratsantrag gemacht hat (sie: nee, ich bin ganz legal hier). Losgelassenheit, geistig, seelisch und in der Handlungsorientierung, ist konstituierend für diesen Tatort. Wer es straff und verständlich mag, der wird es unerträglich finden.

Borowski und das Fest des Nordens“, ARD, So., 20.15 Uhr.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Tatort

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