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Tatort, ARD „Erst wenn es richtig knallt, geschieht etwas“

Der unadventliche SWR-Tatort „Vom Himmel hoch“ ist origineller, als es zuerst scheint.

Tatort: Vom Himmel hoch
Lena Drieschner als US-Soldatin. Foto: Alexander Kluge / SWR

Es gehört zur subtilen Ironie des SWR-Tatorts „Vom Himmel hoch“, dass er sich so behaglich in die Adventszeit hockt. Er ist ganz unfestlich, das Wetter prosaisch, die Handlung weitgehend schmucklos, und vom Himmel hoch, da kommen allein die Drohnen. Am Anfang gibt es dafür eine lange Kamerafahrt, einen großen, weichen Schwung von den Wolken langsam hinunter in die Stadt und schließlich in einen Raum, in dem ein Toter am Boden liegt. 

Die Frau, die jetzt hereinkommt, scheint hingegen Tomaten auf den Augen zu haben. Schon beginnt sie, den blutverschmierten Boden zu wischen, dann erst fällt ihr auf, dass da jemand liegt. 

Der Polizei wird das komisch vorkommen, aber da liegt sie falsch. „Vom Himmel hoch“ lässt das Publikum nicht lange zappeln, die Verwicklungen halten sich in Grenzen, und es dürfen auch einmal Dinge ungewöhnlich sein, weil sie nicht jeden Tag vorkommen, nicht weil sie ein Fingerzeig für den kriminalistischen Verlauf darstellen. Dieser führt zu gleich zwei weiteren Parallelhandlungen. Zwei einander ungewöhnlich ähnliche kurdische Brüder (die von Brüdern gespielt werden, die sich ebenfalls überdurchschnittlich ähnlich sehen, Cuco und Diego Wallraff) basteln an einer Drohne. Eine selbstbeherrschte, aber extrem gestresste amerikanische Soldatin auf dem Stützpunkt Ramstein, Lena Drieschner, geht mit Mühen ihrer Arbeit nach. Als von Drohnen die Rede ist, verliert sie kurz die Nerven. 

Es braucht nicht lange, um zu begreifen, dass hier zwei Seiten derselben Medaille gezeigt werden: Die Kinder von einem der beiden Brüder sind bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen. Die Soldatin hat solche Drohnenangriffe geführt, bis sie nicht mehr konnte. „Vor Ihnen steht eine Massenmörderin“, wird sie später sagen, 300 Menschen habe sie wohl umgebracht, die Kinder, wird sie sagen, seien die kleinen Punkte gewesen, die sich so unberechenbar bewegten. Es werden Bildschirme gezeigt, auf denen von Europa aus die Vorgänge am Boden in Afghanistan, Libyen oder im Irak detailliert mitverfolgt werden können. Es ist natürlich überhaupt keine Übertreibung, das Töten hier für ein Computerspiel zu halten. Andererseits ist es nicht neu, aber fesselnd, dass die Soldatin es ja trotzdem auf Dauer nicht ertragen hat. Die menschliche Fantasie ist stärker als die Verdrängungsangebote der schlauen Waffenentwickler.

Täterin und Opfer haben im Grunde dasselbe vor

Der Vater wie die Soldatin waren in Deutschland in Behandlung des Mannes, der nun tot ist, ein auf Posttraumatische Belastungsstörungen spezialisierter Psychotherapeut. Noch trauriger ist, dass sie jetzt eigentlich dasselbe vorhaben: Etwas zu tun, das ihr Leben zwar endgültig ruinieren wird, aber auch verhindern soll, dass die Welt über sie hinweggehen kann. „Erst wenn es richtig knallt, geschieht etwas.“

Das Drehbuch ist von Tom Bohn, der auch Regie führt, eine glückliche Personalunion, weil alles so unverwässert wirkt. Es gibt kleine symbolische Fingerzeige – flüchtig kommt eine Bronze von Munchs „Schrei“ ins Bild, die Tatwaffe – und nützliche Indizien (der eingekringelte Zeitungsartikel), aber insgesamt ist die Entwicklung von ruhiger Spannung. Höchst reizvoll entwickelt sich das Verhältnis zwischen Lena Odenthal, Ulrike Folkerts, und ihrer immer noch irgendwie neuen Kollegin Johanna Stern, Lisa Bitter. Wir reden beim Ludwigshafen-Tatort immerhin über  lebensnahe, lindenstraßenartige Zeiträume, 57 Fälle haben Odenthal und Kopper gelöst. Ihm weint sie im Verlauf der Folge eine Träne nach, aber „Jetzt hast du ja mich“, sagt Stern, und man ist sich fast, aber doch nicht ganz sicher, ob das wirklich gut ist. Zur Ambivalenz unter den Kolleginnen kommt der heute etwas raunzige Becker, wobei „Vom Himmel hoch“ in ungewöhnlichem Ausmaß, aber beiläufig ein Film unter Frauen ist. Ordnungsliebenden Frauen, viel Wasser und Kaffee trinkenden Frauen, Frauen, die sich gegenseitig hauen und umarmen, die auch nicht viel miteinander anfangen können oder vielleicht doch. Alles origineller, als man zuerst denkt. 
 
„Tatort: Vom Himmel hoch“, ARD, So., 20.15 Uhr.                                                                                   

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