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„Sylvia's Cats“, ZDF Neo Wenn man ein Bordell erbt

Die Miniserie um eine bürgerliche Mutter, die plötzlich ein Bordell leiten muss, zeigt dem hiesigen Publikum, warum das belgische Serienfernsehen so hohes Ansehen genießt.

Sylvia's Cats
Sylvia (Tiny Bertels) sitzt an der Bar des Bordells "Cats", das sie von ihrem Vater frisch geerbt hat. Foto: ZDF/Kris Dewitte

Letzte Woche war es mal wieder soweit: Das ZDF hat sich in Sachen Quotenunabhängigkeit erneut ein ordentliches Eigentor reingezimmert. Mal wieder eine aufwändige Prestige-Serie produziert: „Zarah – Wilde Jahre“, mit Zeitbezug, gesellschaftspolitischer Botschaft und durchlaufender Geschichte. Mal wieder beim Feuilleton und Zuschauer damit abgeblitzt.

Und anstatt dazu zu stehen, es durchzuziehen, der Serie und den Zuschauern Zeit zu geben, zu entwickeln und zu verbessern – mal wieder nach nur zwei Folgen ins Nachtprogramm abgeschoben. Und jetzt mal wieder einige Jahre lang Defätismus schieben. So wird das nichts mit der deutschen Serienlandschaft.

Belgische Handwerkskunst

In Belgien sieht es da ganz anders aus. Ihr Sprachraum und somit Fernsehmarkt scheint erbärmlich klein und noch dazu geteilt, mit entsprechend bescheidenen Budgets. Trotzdem haben vor allem die Flamen, von den deutschen Nachbarn größtenteils unbemerkt, im letzten Jahrzehnt allerhand internationale Preise abgeräumt, vor allem für originelle Miniserien.

Kein Wunder also, dass bei der belgisch-deutsche Koproduktion „Sylvia's Cats“ die Deutschen eher als Geldgeber und die Belgier eher als Kreative am Werk waren. Der Kenner erkennt sofort das dort bewährte Format von zehn Folgen und klarem Familienbezug – und registriert mit Vorfreude, dass einige aus Cast und Crew aus dem Umkreis von Jan Eelen kommen, der die Form in Belgien zur Perfektion getrieben hat.

Und die Nonchalance und elegante Effizienz, mit der die Geschichte der gutbürgerlichen Sylvia erzählt wird, die nach einem Ehekrieg mit ihren Kindern in das kürzlich geerbten Bordell einzieht und es bald übernimmt, zeigt gleich mal, wie man es richtig macht. Die Serie versteht zum Beispiel ganz klar, wann sie drastisch sein muss und wann subtil. Die Familiengeschichte um den Gynäkologen-Ehemann, der des sexuellen Missbrauchs angeklagt wird, die rebellische Tochter und den pubertierenden Sohn könnte ganz schreckliche Klischees bedienen – aber Schauspiel, Regie und Musik bleiben da vorbildlich hintergründig.

Ganz im Gegenteil zur Sex-Darstellung, die dem Zuschauer schon im Vorspann jede Illusion raubt, dass das Prostitutionsgewerbe hier durch die rosarote Brille gezeigt werden könnte. Die Macher habe verstanden, dass es einen ästhetischen Schlag in die Magengrube braucht, um die Fallhöhe der reichen Ehefrau zu zeigen, die sich plötzlich mit Nutten, Freiern und albanischer Konkurrenz herumschlagen muss. Auch von dieser Schonungslosigkeit würde man sich hierzulande gerne etwas mehr wünschen.

Es geht auch um Mord

Man braucht natürlich ein wenig Atem für eine Miniserie. Während „Zarah“ noch panisch versuchte, gleich in der ersten Folge alle Knöpfe gleichzeitig zu drücken und mächtig auf die Pauke zu hauen, damit auch ja alle Zuschauer interessiert bleiben, wissen die Belgier um die Tugend der Geduld. Man hat zehn Folgen Zeit, diese Figuren zu entwickeln und auszureizen – da fängt man natürlich nicht auf der höchsten Lautstärke an. Die erste Folge stellt die Figuren erstmal aufs Schachbrett, bevor sich im Lauf der weiteren Episoden mehr und mehr Teile bewegen und ihr Potential ausreizen – oder aus dem Spiel genommen werden. Es gibt da zum Beispiel noch einen Mordfall, der sich durchaus zentral durch die Serie zieht, aber erst in der zweiten Folge aufs Tablett gebracht wird.

Wer mit der belgischen Filmlandschaft vertraut ist, wird sofort die sympathische Mischung aus  ungeschöntem Alltagsrealismus, beißendem Humor und ergreifender Familiendramatik erkennen, wie man sie zum Beispiel aus Christophe Van Rompaeys „Neulich in Belgien“ oder  Jaco Van Dormaels „Das brandneue Testament“ kennt. Das auf den ersten Blick kurios gemischte Regie-Doppel aus dem Soap-Spezialisten Frank Devos mit dem Independentfilmer Pieter Van Hees (dessen Stunt-Komödie „Dirty Mind“ noch immer ein veritabler Geheimtip ist) führt aber auch Neulinge sehr schön in diese paradoxe Stimmung ein. Schade natürlich, dass man ins ZDF-Nischenprogramm gehen muss, um zu sehen, wie heute gutes serielles Erzählen funktioniert – aber der heutige Serienfreund ist das ja leider schon gewohnt.

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