Lade Inhalte...

"Sugardaddy" Jugend gegen Geld

Alte Männer und junge Frauen – das ruft meist Ablehnung hervor. Die Reportage "Sugardaddy" nähert sich dem Thema unvoreingenommen, indem sie nach den Beweggründen fragt.

09.02.2016 07:26
Franziska Schuster
Harry ist Anfang 60 und reist nach Berlin, um die 23 Jahre alte Sarah kennenzulernen. Foto: ZDF und Walter Harrich

In ihren knapp halbstündigen Beiträgen schafft es die ZDF-Reportagereihe "37°" immer wieder, erstaunlich kluges zu kontroversen Themen beizutragen. Bei einem so kurzen Format kann und soll es nicht um profunde Hintergrundberichterstattung gehen, der Trick ist vielmehr, bei Null anzufangen. Mit ihrer naiv-offensiven Herangehensweise holen die Filmemacher die Zuschauer nicht ab, sondern überrumpeln sie einfach. Noch bevor man seine Vorurteile zum Thema fertig gedacht hat, sind die ersten Sätze gefallen, die – eine gewisse Offenheit beim Publikum vorausgesetzt – aufhorchen lassen, weil sie der eigenen Erwartungshaltung zuwider laufen. Berührungsängste werden abgebaut, bevor man merkt, dass man welche hatte.

Das Thema "Sugardaddy-Sugarbabe"-Beziehungen muss dieses Konzept auf eine harte Probe gestellt haben. Sogar die erfahrenen Reporter waren überrascht davon, wie sehr Klischees, Vorurteile, Missgunst und Scham eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Topos erschweren. Als Reaktion entschieden sie sich für Basis-Aufklärungsarbeit, die vor niedrigschwelligen Begriffsdefinitionen und scheinbar banalen Fragen nicht zurückschreckt. Was dabei gelingt, ist die Darstellung der im Film auftretenden Männer und Frauen als ganz normale Menschen – allein dadurch, dass man ihnen zuhören kann.

Mit beeindruckender Offenheit erklären die beiden männlichen Protagonisten, warum sie sich für diese spezielle Art einer Beziehung entschieden haben. Ihre Beweggründe ähneln sich in einigen Punkten – Einsamkeit vor allem –, in anderen variieren sie erheblich. Der sensible Psychiater diagnostiziert an sich selbst eine neurotische Angst vor dem Alter, die er durch eine Beziehung mit einer jungen Frau zu kompensieren versucht, während der pragmatische Geschäftsmann erklärt, eine schöne Frau sei für ihn vergleichbar mit einem teuren Auto: Ein Accessoire.

Beide Haltungen wären hochgradig befremdlich, wenn die Männer nicht mit der gleichen Offenheit, wie sie sie gegenüber der Kamera an den Tag legen, auch in die Verhandlungen mit den potentiellen Partnerinnen hineingehen würden. Auf Datingplattformen werden zunächst die groben Parameter geklärt, dann trifft man sich und spricht Klartext: Etwas Liebe, kein Beziehungsalltag, klare Vergütungen, Sex, gemeinsame Reisen, keine Monogamie, ein Mann, zu dem man aufsehen kann – die Rahmenbedingungen werden von beiden Seiten ausgehandelt. Wenn es passt, sieht man sich wieder.

Das hilft, es wirklich zu glauben, wenn eine der jungen Frauen versichert, sie mache das alles ganz selbstbestimmt und freiwillig. Ein gewisser moralischer Zweifel lässt sich dennoch nicht ganz unterdrücken, den der Beitrag antizipiert und im letzten Drittel explizit ausspricht: "Ist es ein Tauschgeschäft oder andere Form von Prostitution?" Eine klare Antwort bleibt er allerdings schuldig, und das ist auch gut so: Alles andere hätte die Ernsthaftigkeit einer Reportage untergraben, die doch dafür angetreten ist, ein von Vorurteilen dominiertes Thema differenzierter zu betrachten.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum