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„Sternstunde ihres Lebens“ Lieber gleich berechtigt als später

Sehenswertes filmisches ARD-Denkmal für Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes.

21.05.2014 07:05
Tilmann P. Gangloff
lbert Finck (Walter Sittler) und Theodor Heuss (Klaus Mikoleit) sind beeindruckt von dem ganzen Zuspruch der mit der Post für Selbert kam. Foto: WDR/ARD DEGETO/Martin Rottenkolber

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“: Dieser Absatz aus Artikel 3 des Grundgesetzes ist heute ebenso selbstverständlich wie der Schutz der Menschenwürde. Kaum jemand ahnt, wie hartnäckig 1948 um diesen Satz gerungen wurde, und daher ist auch der Name jener Juristin in Vergessenheit geraten, der die Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz zu verdanken ist. Die Entscheidung, Elisabeth Selbert ein filmisches Denkmal zu setzen, ist also aller Ehren wert; die Frage war bloß, wie aus dem eher trockenen Stoff ein packendes Drama werden könnte.

Autorin Ulla Ziemann hat einen ebenso einfachen wie effektiven dramaturgischen Schlüssel gefunden, indem sie die engagierte Anwältin für Familienrecht mit einem Gegenentwurf konfrontiert: Die junge Sekretärin Irma ist der personifizierte Beweis für die Behauptung von Selberts Gegnern, die Gesellschaft sei noch nicht reif für Gleichberechtigung. Irma ist eine scheue junge Frau, deren Lebenstraum ein Dasein in Geborgenheit an der Seite eines starken Mannes vorsieht. Ihre Wandlung steht für den gesellschaftlichen Prozess, den Selbert in Gang setzt.

Bei aller Relevanz der Handlung lebt „Sternstunde ihres Lebens“ dennoch in erster Linie von den beiden charismatischen Hauptdarstellerinnen. Eine politisch engagierte Schauspielerin wie Iris Berben verleiht der sozialdemokratischen Frauenrechtlerin, die sich auch durch die Widerstände in ihrer eigenen Partei nicht beirren lässt, naturgemäß eine besondere Glaubwürdigkeit, zumal sie die emanzipierte Frau mit einer enormen inneren Energie verkörpert. Anna Maria Mühe wiederum ist genau die Richtige für den Widerpart: Irma hat ein großes Herz, aber keinerlei politisches Bewusstsein; sie entspricht somit perfekt dem konservativen Familienbild der Christdemokraten. Walter Sittler ist als Wortführer der CDU-Vertreter im Parlamentarischen Rat, jenem Gremium, in dem die vielen Väter und die vier Mütter des Grundgesetzes versammelt waren, eine ähnlich prägnante Besetzung wie Lena Stolze, Eleonore Weisgerber und Petra Welteroth als die weiteren weiblichen Ausschussmitglieder.

Die beiden Standpunkte erweisen sich zunächst als unversöhnlich: Selbst die Frauen unter den konservativen Delegierten fürchten um das traditionelle Familienbild. Trotzdem hat Ziemann der Versuchung widerstanden, Elisabeth Selbert als Idealistin darzustellen. Die Juristin ist vielmehr eine Pragmatikerin, die dagegen kämpft, dass Frauen als Menschen zweiter Klasse gelten. Irmas Cousine Lore (Maja Schöne) rückt wie selbstverständlich zurück ins zweite Glied, als ihr Mann aus der Gefangenschaft heimkehrt. Dass sich Irma in einen Delegierten (Max von Thun) verliebt, der sich als verheiratet entpuppt, mag ihren Wandlungsprozess vorantreiben, aber die Affäre wirkt doch eher wie eine romantische Dreingabe fürs weibliche Publikum.

Angesichts der Hauptfigur, die ihrer Zeit weit voraus ist, wirkt die Inszenierung des fast ausschließlich aus Innenaufnahmen bestehenden Films ausgesprochen zurückhaltend, und das hat sicher nichts damit zu tun, dass sämtliche Schlüsselpositionen hinter der Kamera mit Frauen besetzt waren. Erica von Moeller (Regie) und Sophie Maintigneux (Kamera) versehen die rauchgeschwängerten Bilder mit den für Stoffe dieser Art typischen fahlen Farben, verzichten ansonsten aber konsequent auf eine moderne Bildgestaltung; andererseits korrespondiert diese vergleichsweise nüchterne Umsetzung natürlich mit der sachlichen Haltung Selberts.

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