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„Stadt ohne Namen“, Arte Die Zonis planen den Aufstand

Die Mauer ist wieder da. Dahinter weggesperrt: Arbeitslose. Verachtet, ausgegrenzt und vorsätzlich einem frühen Tod preisgegeben. Eine sechsteilige finstere Zukunftsversion von Arte France, die nicht nur auf französische Zustände abzielt.

Blick in die Zukunft: Ruben Garcia (Pierre Deladonchamps) gibt seine „Solidaritätsbeschäftige“ als seine Frau aus. Foto: © Kelija/Jean-Claude Lother

Klingen die Worte nicht vertraut? „Das wird von uns einen kollektiven Einsatz fordern. Aber diese Mühe wird uns die Kraft geben, gemeinsam voranzuschreiten.“ Nein, kein Merkel-Zitat, sondern Worte der Premierministerin Nadia Passeron (Ronit Elkabetz) aus der französischen TV-Serie „Stadt ohne Namen“; der Originaltitel lautet „Trepalium“. Regierungschefin Passeron versucht, ihre Untertanen positiv einzustimmen auf eine Maßnahme der Regierung: 10.000 Arbeitslosen wird per Dekret zu einem Arbeitsplatz verholfen. Zwangsweise, eine Ablehnung ist den auserkorenen Arbeitgebern verwehrt.

Der Vorgang sorgt für Unruhe. Die sogenannten „Solidaritätsbeschäftigten“ werden angegriffen, weil die „Aktiven“ um ihre Arbeit fürchten. Dabei gibt es bei den Arbeitgebern kaum etwas zu tun. Viele „Solidaritätsbeschäftigte“ sitzen tatenlos herum oder treffen sich im Freien. Was wiederum mit Misstrauen beäugt wird, denn die Arbeitslosen gehören einer verfemten Bevölkerungsgruppe an. Dreißig Jahre zuvor hatte man sie ausgestoßen, in ein durch eine hohe Mauer abgesperrtes, bewachtes Ghetto, wo sie in vergifteter Umwelt ein elendes Leben führen.

Die Premierministerin Passeron gibt sich in der Öffentlichkeit konziliant und reformbereit. Eine rein strategische Haltung. Die Schaffung von Arbeitsplätzen war eine Forderung von Rebellen aus der Zone, die den Arbeitsminister entführt hatten. Außerdem dringt die Weltbank auf Veränderungen. Die Regierung sieht sich zu Kompromissen gezwungen, denn sie benötigt dringend Wirtschaftshilfe von außen.

Eine Angstgesellschaft

Die Serienschöpfer Sophie Hiet und Antarés Bassis und ihre Autoren entwerfen in ihrer sechsteiligen Serie eine Dystopie, die von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen nicht sehr weit entfernt ist. Das kritische Zukunftsbild zielt nicht ausschließlich auf französische Zustände, ablesbar schon an der internationalen Namensgebung für die Protagonisten. Das rigide Gesellschaftsmodell ist wohldurchdacht, nicht nur die Arbeitslosen werden als Opfer gezeigt. Auch jene Minderheit, die noch Arbeit hat, lebt keineswegs sorgenfrei, sondern in permanenter Angst und unter ständigem Leistungsdruck. Das gilt bereits für kleine Kinder. Wer nicht funktioniert, zum Beispiel eine Behinderung aufweist oder das Lernpensum nicht erfüllt, muss mit Abschiebung rechnen. Immer mehr Kinder leisten passiven Widerstand, indem sie verstummen.

Aktive Gegenwehr wird derweil in der Zone vorbereitet. Dieser Handlungsstrang sorgt für den nötigen Thrill. Personifiziert wird der Konflikt in Gestalt der arbeitslosen Izia Katell (Léonie Simaga). Die 31-jährige alleinerziehende Mutter gehört zu jenen Auserwählten, die in Bussen auf die andere Seite gekarrt und tagsüber dort arbeiten dürfen. Wenn man denn Arbeit für sie hat.

Izia weist erstaunliche Ähnlichkeit auf mit ihrer Arbeitgeberin Thaïs Garcia. Die ist ohne Wissen ihres Mannes mit den Rebellen im Bunde, verliert bei einem konspirativen Treffen aber die Nerven, wird betäubt und in die Zone entführt. Weil Ruben Garcia der Karriere wegen eine Ehefrau vorzeigen muss, drängt er die widerstrebende Izia, Thaïs‘ Rolle einzunehmen. Zugleich zwingt die Widerstandsbewegung sie zu Spionageaktionen. Ein gefährliches Spiel.

Kritische Zukunftsvision

Als finsterer Ausblick vermag „Stadt ohne Namen“ zu überzeugen, die Thrillerhandlung jedoch leidet unter allzu vielen Zufällen und überdeutlichen Konstrukten. Sophie Hiet greift hier auf das Doppelgängermotiv zurück, das sie schon in dem Spielfilm „Duplicity – Deine Familie gehört mir“ verarbeitet hatte – mit ähnlichen dramaturgischen Mängeln, wie sie jetzt auch „Stadt ohne Namen“ aufweist. Izia, die ihr ganzes Leben in der Zone verbracht hat, findet allzu leicht in ihre neue Rolle, zeigt das richtige Sozialverhalten, übernimmt nach nur geringen Anlaufschwierigkeiten Thaïs‘ Arbeitsstelle an einem Computerterminal des Wasserversorgers der Stadt. Ein Arbeitsplatz, der wie alle anderen permanent überwacht wird. Jeder Missgriff, jede fehlende Minute werden registriert und haben unmittelbar Abmahnungen zur Folge. Bezüglich der Arbeitswelt ein stimmiges Szenario. Umso unglaubwürdiger aber, dass Izia sich hier rasch behauptet und erst auffällt, als sie unvorsichtigerweise den Kode an ihrem Handgelenk sehen lässt, der sie als Zonenbewohnerin ausweist.

Durch solche handwerklichen Defizite geht einiges an Überzeugungskraft verloren. Immerhin: „Stadt ohne Namen“ – „Stadt der Angst“ wäre ebenfalls ein treffender Titel gewesen – spielt zwar in der Zukunft, ist aber ohne weiteres als Kommentar auf die Gegenwart und kritische Intervention zu verstehen. Dieses Moment ist es, was den meisten jüngeren deutschen Fernsehserien bedauerlicherweise fehlt, deren Produzenten unverbindlich von Vergangenem oder, wie mit der Gruselserie „Weinberg“, auf rein mystischer Ebene erzählen.

 

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