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„Spuren des Bösen: Liebe“ Jenseits von Eden

Der fünfte Film aus der ZDF-Reihe mit Heino Ferch ist ein fesselnder Krimi über ein Gefängnis ohne Mauern. Es geht um eine sektenähnliche Schicksalsgemeinschaft, die sich „Eden“ nennt.

29.02.2016 13:04
Tilmann P. Gangloff
Der Geiselnehmer und angebliche Mörder Klaus Willer (Harry Prinz, M.) wird vom SEK-Team festgenommen. Foto: ZDF und Petro Domenigg

Selbst die richtig guten Krimireihen pendeln sich irgendwann auf einem Niveau ein, das zwar weiterhin für Qualität steht, aber nicht mehr für Überraschungen sorgt; und wenn doch, dann mitunter negativ, weil ein Film die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann. Bei „Spuren des Bösen“ ist das bislang noch nicht passiert. „Liebe“ ist zwar auch erst der fünfte Film der Reihe über die Arbeit des Wiener Kriminalpsychologen Richard Brock (Heino Ferch), aber ZDF und ORF beschränken sich klugerweise auf eine Episode pro Jahr. Auf diese Weise hat Drehbuchautor Martin Ambrosch Zeit, die Geschichten reifen zu lassen. Die psychologische Durchdringung der Handlungen ist immer wieder faszinierend, die Dialoge von ebenso großer Sorgfalt wie die Inszenierung, die stets Andreas Prochaska besorgt.

Diesmal erzählt Ambrosch von einer sektenähnlichen Schicksalsgemeinschaft, die sich „Eden“ nennt. Der Film beginnt jedoch völlig anders: Brock wird von Polizei um Hilfe gebeten, weil sich Klaus Willer, ein früherer Schuldfreund (Hary Prinz), bewaffnet in seinem Haus verschanzt hat; offenbar hat er seine schwangere Ex-Frau umgebracht. Brock kann ihn zur Aufgabe überreden, glaubt aber nicht an die Mordthese, obwohl der als krankhaft eifersüchtig geltende Willer die Tat gesteht. Die Frau ist erstochen und dann erschossen worden, aber der Mann weist keinerlei Schmauchspuren auf. Viel interessanter findet Brock die Spur, die in eine Kommune führt. Hier lebt der Freund der Frau, Konstantin Steinmann (Christoph Luser), schwerreicher Erbe einer Baumarktkette, dessen Bruder vor einiger Zeit unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist.

Von dieser überwiegend aus Akademikern bestehenden verschworenen Gruppe geht eine ganz eigene Faszination aus. Das liegt nicht zuletzt am visuellen Konzept des Films: Kameramann David Slama und sein Beleuchter haben das großzügige Stadthaus in verschiedenfarbige Lichtinseln getaucht, die – mal türkis, mal rotorange, mal gelbgrün – den Szenen eine spezielle Atmosphäre geben. An dem von Maximilian Brückner gespielten Wortführer, einem Anwalt, beißt sich Brock die Zähne aus. Mindestens genauso reizvoll ist die Kombination Heino Ferchs mit Juergen Maurer als Polizist, der bislang nur im zweiten Film („Racheengel“) mitwirkte. Es macht einfach Spaß, diesen beiden physisch enorm präsenten Schauspielern zuzuschauen, zumal beide stark zurückgenommen agieren und Vieles nur mit Blicken vermitteln; unter anderem die Tatsache, dass hinter ihrem vermeintlich sanftem Auftreten große Energien schlummern. 

Die Reihe verdankt ihre Qualität auch den scheinbar unwichtigen Nebenschauplätzen, die viel zur Charakterisierung der Hauptfigur beitragen. Hier leistet sich Ambrosch auch kleine horizontale Erzählebenen; so lebt Brock, in dessen Wohnung es im letzten Film („Schande“) gebrannt hatte, auch Monate später immer noch zwischen Kartons. Ähnlich bedeutsam sind die kleinen Momente mit seiner Tochter, seiner kernigen Putzfrau oder dem Wirt seines Stammcafés, den er nach seiner persönlichen Utopie fragt. Selbst wenn Ferch sein Spiel auch in diesem Moment großer Nähe radikal reduziert: Diese Augenblicke haben großen Anteil daran, dass der in sich gekehrte Psychologe nicht vollends autistisch erscheint. Den Rest besorgen Musik und Bildgestaltung. Schon gleich zu Beginn wird man durch die Steadycam förmlich in diesen Film gesogen, der hinter den Bildern eine hochinteressante Abhandlung über ein Gefängnis ohne Mauern ist.

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