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„Spuren der Rache“, ARD Die Rache des Rentners

Der Zweiteiler über einen BKA-Beamten als Ruhestands-Rambo auf Terroristenjagd in Tanger gerät trotz Terror-Aktualität und Stunt-Casting leider genauso albern und unglaubwürdig, wie er sich anhört.

02.01.2017 06:38
D.J. Frederiksson
Frank Henning (Heiner Lauterbach, vorne) auf Rachefeldzug. Foto: ARD Degeto/Luis Koppelkamm

Gott schütze die Welt vor der Wut der weißen Rentner. Was sich im Wahlverhalten zu Brexit, AfD und Trump niedergeschlagen hat, hat die Populärkultur schon längst vorhergesagt: Weiße, wütende Mittelstands-Typen mit angehender Glatze sind auf dem Kriegsfuß. Im Fernsehen werden sie zu Drogen-Königen und Profikillern, im Kino ballern und metzeln sie sich auf der Suche nach hilflosen Töchtern durch arabische und andere generalverdächtige Milieus. 

Nun also „Spuren der Rache“, wo Heiner Lauterbach nach einem Bombenattentat in Berlin und dem Tod von Frau und Tochter auf eine Ein-Mann-Mission in den Maghreb zieht, um die bösen Terroristen zur Strecke zu bringen. Die zeitliche Nähe des Weihnachtsmarkt-Anschlags könnte dem Film eine Aufmerksamkeit und Diskussion verschaffen, die gänzlich unverdient wäre – die weltpolitische Sicherheitslage wird hier in etwas so realitätsgetreu gezeigt wie in einer Bild-Zeitungs-Synopis des letzten James-Bond-Films. 

Es gibt mehrere Ebenen, auf denen man sich bei diesem Prestige-Primetime-Zweiteiler über unerwarteten Dilettantismus wundert. Sofort auffällig sind beispielsweise die fürchterlichen Dialogsätze. Eine ganze Reihe von Szenen besteht nur aus langen Stillen, die leider eher leer als inhaltsschwanger wirken, und vier bis fünf kargen Sätzen, die so generisch wirken, daß man den Eindruck hat, einem Zusammenschnitt von Hollywood-Thrillerklischees zuzuhören. Und dies sind noch die glimpflichen Momente. Wenn der Film sich wirklich anstrengt, produziert er unsprechbare Monstersätze, die sich anhören wie Google Translate-Übersetzungen von Glückskeks-Sprüchen: „Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Das Leben passiert. Vielleicht begünstigt es dich, vielleicht wird es dir alles nehmen. Ganz sicher aber ist es für deine Wünsche taub.“

Alberner Plot

Während man sich noch kopfschüttelnd fragt, wer diese Wortreihenfolge zusammengewürfelt hat, zeigt sich, dass auch der Plot eine eher alberne Allmachtsphantasie des Westens ist. Nichts hier ist kompliziert, jeder kennt die Bösewichte, es sind allesamt bärtige Berber-Barbaren, und die Erklärung „der war mal BKA-Verwaltungsbeamter“ reicht anscheinend aus, um Pässe zu fälschen, fließend arabisch zu sprechen, ausgebildete und schwerbewaffnete Paramilitärs zu überwältigen und... Klaviervirtuose zu sein? 

Es soll also ein bisschen „Bourne“ sein, ein bisschen „Taken“, und ein bisschen John le Carré – wobei der le-Carré-Mehrteiler „The Night Manager“, den man im Sommer im ZDF bewundern konnte, viel besser vorgemacht hat, wie man die Infiltration in den inneren Zirkel eines hochgradig paranoiden Terroristen voller Spannung zeigt: das Fälschen von Referenzen; der Aufbau einer Cover-Identität in einem fremden Land; die Intrige im Umfeld, um das Vertrauen zu gewinnen; das Besorgen einer Waffe; die jahrelange Planung und der psychologische Preis, den so eine Aktion fordert. „The Night Manager“ brauchte dafür mehrere Jahre und vier faszinierenden Filmstunden – Heiner Lauterbach macht das in fünf völlig unerklärten Minuten. 

Dabei ist dieser Terroristenjäger in Tanger manchmal der beste, manchmal aber auch der schlechteste Geheimagent der Welt. Er telefoniert offen am Handy mit seinen BKA-Kollegen, vergisst seine frisch besorgte Pistole im Auto und hopst und joggt ungelenk durch die Gassen Nordafrikas, wie das eben nur ein Rentner kann – nur daß die jungen, durchtrainierten Bösewichte ihn natürlich weder einholen noch mit ihren Gewehrsalven treffen. Überhaupt kommen ihm dauernd haarsträubende Zufälle zur Rettung: Die Hauslehrerin des Bösewichts ist gerade in Ruhestand gegangen – wie praktisch, er kann sich auf die Stelle bewerben und bringt genau alle Voraussetzungen mit. Die ansonsten erschreckend gutgläubigen Bösewichte durchsuchen dann doch mal sein Zimmer – just in dem Moment hat er seine Waffe mitgenommen. „So viele Zufälle gibt’s doch gar nicht“, beschwert sich die Hauptfigur einmal. Wie recht er hat. 

Sinnfreies Stunt-Casting

Dass der vielfach preisgekrönte Autor Holger Karsten Schmidt seinen Namen angesichts dieser Drehbuchkatastrophe zugunsten eines Pseudonyms zurückgezogen hat, scheint verständlich. Ob es an eventuellen Änderungen durch Regisseur Nikolai Müllerschön liegt oder an seinem Unwillen über das sinnfreie Stunt-Casting von Lauterbachs Tochter Maya als Sprössling seines marokkanischen Gegenspielers, das wird man wohl nie erfahren. 

Neben Müllerschön, der mit Spannungs- und Actionsequenzen spürbar überfordert wirkt, macht leider auch Lauterbach keine gute Figur. Ebenso wie der plakativen Musikführung von Julius Kalmbacher fehlt ihm jegliche Subtilität: dass ein Mann mit so wenig Körperkontrolle zwei Minuten undercover überlebt, scheint lächerlich. Die Musik, die Kamera und vor allem das Spiel Lauterbachs muß dem Zuschauer so überdeutlich vorspielen, was seine Figur in diesem Moment fühlt, daß es albern wirkt, wenn anscheinend alle aufmerksamen Bewacher seine Überreaktionen, Ticks, Spannungspausen und Schweißattacken als völlig natürlich abstempeln. 

Wer die ganzen neunzig Minuten durchgestanden hat, der kann im zweiten Teil zwei Tage später zusehen, wie sich die Geschichte auflöst und wie der eigentlich immer wundervolle Uwe Bohm versucht, sich an diesen haarsträubenden Dialogen abzuarbeiten, aber... ganz ehrlich, es lohnt auch weiterhin nicht. Dann lieber nochmal ein gutes John le Carré-Buch zur Hand nehmen.

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