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„Springflut - Schatten der Vergangenheit“, ZDF Kühl kalkulierte Krimikost

Ein neuer Schwedenkrimi erweist sich als Sammelsurium bewährter Muster. Spekulative Szenen überdecken Drehbuchschwächen, die Spannung wird künstlich geschürt.

Springflut
Oliva Rönning (Julia Ragnarsson) findet aufschlussreiches Beweismaterial über den Mordfall auf der Insel Nordkoster in der Garage ihres Vaters. Foto: ZDF/Niklas Maupoix

Die Mörder haben sich viel Mühe gemacht, haben die Frau bis zu den Schultern im Schlick eingegraben, sodass sie in der Springflut ertrinkt. Ein Naturphänomen, das in dieser Form nur auf den nahe der norwegischen Grenze gelegenen Kosterinseln vorkommen soll. Das Verbrechen geschah bereits 1990, und es wurde nie geklärt. Olivia Rönnings (Julia Ragnarsson) Dozent an der Polizeihochschule hat diesen Fall hervorgekramt, um ihn seinen Studierenden über die Ferien als Hausaufgabe aufzubürden. Sie sollen sich ihre eigenen Gedanken zum Tathergang machen.

Ein sonderbarer Zufall und nicht der letzte seiner Art: Olivia Rönning sind die damaligen Vorgänge nicht unbekannt. Ihr verstorbener Vater (Niklas Jarneheim) war, gemeinsam mit Tom Stilton (Kjell Bergqvist), der zuständige Ermittlungsleiter. Olivia hatte eine innige Beziehung zu ihrem Vater. Sie fährt seinen hinterlassenen moosgrünen Mustang nicht nur aus Liebe zu schnittigen Oldtimern. Als kleines Mädchen stand sie manchmal neben ihm, wenn er über den Untersuchungsakten grübelte. Der Fall der unbekannten Wasserleiche von Nordkoster ist für sie so etwas wie ein Vermächtnis, weit mehr als nur eine Semesterarbeit. Mit Verve wirft sie sich in die Recherchen.

Tom Stilton ist zunächst nicht aufzutreiben. Er hat den Polizeidienst verlassen, alle bürgerlichen Brücken hinter sich abgebrochen. Die Zuschauerschaft weiß es schon vor Olivia: Er ist als Folge einer psychischen Erkrankung obdachlos geworden und lebt unter Stockholms Stromern. Die werden gerade durch eine Serie von Gewalttaten in Angst versetzt. Jugendliche überfallen die wehrlosen Menschen, prügeln sie brutal zusammen, filmen sich dabei und stellen die Machwerke ins Netz. Die Polizei ermittelt nur zögerlich. Bis die Obdachlose Vera (Anna Wallander) an den Folgen der Schläge verstirbt. Ihr Tod reißt Tom Stilton aus seiner Lethargie. Er beschließt, die Täter zu jagen. Und ist, als Olivia Rönning ihn endlich ausfindig macht, bereit, auch ihr bei ihren Ermittlungen zu helfen.

Pseudo-Zeitkritik gehört zum Muster

Die schwedisch-deutsch-belgische Koproduktion „Springflut“, eigentlich eine zehnteilige Serie, wird vom ZDF gemäß hiesiger Praxis in fünf 90-Minuten-Folgen zur Ausstrahlung gebracht. Die Drehbücher stammen vom Autorenpaar Cilla und Rolf Börjlind, die den Stoff zunächst als Roman publizierten und damit eine Reihe begründeten. Die Verfilmung hatten sie als erfahrene Drehbuchautoren schon im Blick. Sie lieferten zuvor Skripte für Reihen wie „Mankells Wallander“, „Kommissar Beck“ und „Arne Dahl“, wo sie bereits mit den „Springflut“-Regisseuren Matthias Ohlsson und Niklas Ohlson zusammenarbeiteten. Diese Krimiroutine merkt man „Springflut“ an. Die Serie wirkt wie nach Konstruktionsunterlagen gearbeitet. Die Romane und Serien des sogenannten „Nordish Noir“ haben erkennbar Spuren hinterlassen. Die Börjlinds zitieren sich sogar selbst. Schon in ihrer Serie „Morden“ aus dem Jahr 2009 bedienten sie sich einer ähnlichen Ausgangssituation.

Pseudo-Zeitkritik gehört in dieser Art von Krimi zum Muster. Hier fließt sie ein in Gestalt der Standardfigur einer in Komplotte verstrickten skrupellosen Wirtschaftsgröße, ferner durch die medial ausgebeuteten Gewalttaten gegen Obdachlose und kommerziell organisierte Käfigkämpfe minderjähriger Jungen. Es sind kalkuliert eingesetzte Handlungsmomente, ohne tatsächlichen Anspruch oder künstlerisches Anliegen. Auch wenn in einer Einstellung auf Rolf Börjlinds Vergangenheit als Kunstschaffender verwiesen und, das wirkt schon ziemlich eitel, der Katalog zu seinem Multimediaprojekt „Persona non grata“ aus dem Jahr 1977 demonstrativ ins Bild genommen wird.

Grenzen im Krimi-Genre verschieben sich in Richtung Horror

Im Krimigenre haben sich die Grenzen immer weiter in Richtung Horror verschoben. Degoutant wird es, wenn allein um des Nervenkitzels willen Gewalt an Kindern zum Thema gemacht wird, so wie in Jussi Adler-Olsens „Erlösung“, als Film jüngst ebenfalls im ZDF zu sehen, oder jetzt erneut in „Springflut“. Die dort geübte vermeintliche Kritik an der Verderbtheit der Gesellschaft ist auf die Autoren selbst und auch ihre Leser anzuwenden.

Fatalerweise beginnen sich solche eigentlich dem Horrorgenre zugehörigen spekulativen Szenerien als Muster festzusetzen. Selbst Verlagslektoren, die es kraft ihrer Ausbildung besser wissen sollten, sind heute der festen Überzeugung, dass ein Kriminalroman mit einem möglichst blutrünstig geschilderten Mord beginnen muss. Eine Annahme ohne genrehistorische Legitimation. Ein Kriminalroman erzählt von Verbrechen und deren Aufklärung. Es liegt im handwerklichen Geschick des jeweiligen Autors, ob das auf spannende Weise geschieht. Erich Kästner genügte in „Emil und die Detektive“ ein Banknotendiebstahl. Frederick Forsyth landete mit „Der Schakal“einen Bestseller – der Vorgeschichte eines Attentats, in der sich die Morde erst nach und nach und beinahe beiläufig ereignen.

Apropos Handwerk: In den Zwischenschnitten mit Stockholms Panorama sind immer wieder Heißluftballons in derselben Position zu sehen. Die Fluggeräte rühren sich trotz voranschreitender Zeitläufte nicht von der Stelle. Eine unfreiwillige Symbolik für den Zustand des Genres?

 

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