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„Spätwerk“, ARD Licht am Anfang des Tunnels

Wie Phoenix aus der Asche: Henry Hübchen spielt in diesem ausgezeichneten Drama einen ausgebrannten Schriftsteller, der ausgerechnet durch große Schuld unverhofftes Glück findet.

FilmMittwoch im Ersten
Hannah Kommarek ist Paul Bachers Lektorin und schon seit Jahren haben die beiden eine unkomplizierte Affäre. Foto: SWR/Christiane Pausch

Eine dunkle Nacht, ein allzu redseliger Tramper, ein tragischer Unfall: Im Rahmen einer Lesereise in der schwäbischen Provinz lädt der ausgebrannte Schriftsteller Paul Bacher enorme Schuld auf sich. Kein Wunder, dass das Ereignis sein Leben ändert, allerdings auf wundersame Weise zum Guten: Er findet eine späte Liebe, seine kreative Kraft kehrt zurück, er schreibt seinen erfolgreichsten Roman seit langem und wird im hohen Alter sogar noch mal Vater. Doch er weiß, dass das Glück nur geliehen ist; über ihm schwebt das Damokles-Schwert seiner Schuld.

„Spätwerk“ ist nach „Mein Vater“, „Nacht ohne Morgen“ sowie „Herr Lenz reist in den Frühling“ die vierte gemeinsame Arbeit von Karl-Heinz Käfer (Buch) und Andreas Kleinert (Regie). Im Zentrum ihrer Geschichten stehen stets einsame, von Tragik und Trauer umflorte Männer. „Mein Vater“ mit Götz George, 2003 mit dem International Emmy Award ausgezeichnet, erzählt die Geschichte eines Sohnes (Klaus J. Behrendt), der hilflos mit ansehen muss, wie sich alzheimerkranker Vater in einen völlig anderen Menschen verwandelt.

„Nacht ohne Morgen“ (2012) handelt von einem todkranken Staatsanwalt (ebenfalls George), dessen Dasein auf einer Lüge basiert. „Herr Lenz…“ (2016, mit Ulrich Tukur) ist eine weitere Vater/Sohn-Geschichte, diesmal jedoch als Tragikomödie konzipiert. Mit „Spätwerk“ knüpfen Käfer und Kleinert wieder an die Düsternis der drei anderen Arbeiten an, und auch diesmal konnten sie einen herausragenden Hauptdarsteller gewinnen: Wie Phoenix aus der Asche verkörpert Henry Hübchen das neue Lebensglück des Autors, auf den sich die Liebe der dreißig Jahre jüngeren Grundschullehrerin Teresa (Patrycia Ziolkowska), die sich als Muse entpuppt, wie eine Frischzellenkur auswirkt.

Zunächst jedoch deutet nichts daraufhin, dass Bacher das Ende der Geschichte überhaupt erleben wird. Der Schriftsteller ist ein zynischer Alkoholiker, der nichts mehr zu erzählen hat und seine mit ihm gealterten Leserinnen beleidigt; Kollegen, die es auf die Bestsellerlisten schaffen, hält er für „künstlerisch korrupt“. Erbarmungslos zeigen Käfer und Kleinert, wie sich Bacher endgültig aufgibt, als er eine Lesereise in Württemberg abbricht, bei der Heimfahrt nach Berlin einen Tramper aufliest, den Jungen vor die Tür setzt, als der ihn nervt, und ihn versehentlich überrollt.

Er zerrt die Leiche in den Wald, fährt heim, kehrt zurück, verstaut den toten Körper im Kofferraum, beerdigt ihn in Polen und stellt zu seiner Verblüffung fest, dass die Ereignisse einen vortrefflichen Stoff für seinen neuen Roman abgeben, zu dem ihm bislang bloß der Titel eingefallen ist: „Licht am Anfang des Tunnels“. Bachers Lektorin und „Pegasusflüsterin“ (Jenny Schily), mit der ihn eine nüchterne Affäre verbindet, hält das Buch zwar für ein „Desaster“ ohne jeden Erkenntnisgewinn, aber ihr Mann, der Verlagschef (Michael Schenk), ist begeistert.

Kleinert arbeitet seit 18 Jahren regelmäßig mit Johann Feindt zusammen; der Kameramann, der auch eigene Dokumentarfilme dreht, hat bereits für die Umsetzung der drei anderen Käfer-Drehbücher kongeniale Bilder gefunden. In „Spätwerk“ zeigt die eindrücklichste Einstellung den Schriftsteller, nachdem ihn Teresa bei ihrer ersten Begegnung hat abblitzen lassen. Die Kamera filmt ihn aus dem dunklen Hausflur heraus, sodass Bacher in dem hellen Rechteck vor dem Haus wie in eine Zelle eingesperrt wirkt. Ungeschönt und in aller Qual filmt Feindt kurz drauf, wie mühsam es ist, einen leblosen Körper in den Kofferraum zu hieven und später im Wald zu vergraben.

Umso verblüffender ist schließlich die Erkenntnis, dass die Sympathien für Bacher eher noch zunehmen; entsprechend spannend ist die Frage, ob er tatsächlich davon kommen wird. „Spätwerk“ ist zwar über weite Strecken ein alles andere als aufmunternder Film, aber die Bildgestaltung ist ebenso vorzüglich wie die mal rockige, mal jazzige Musik (Daniel Dickmeis). Henry Hübchen ist es ohnehin wert, sich durch die Mühen des tristen ersten Akts zu arbeiten, und die Dialoge sind mitunter von erlesener Bosheit. Außerdem gleichen Kleinert und Käfer die Düsternis der sperrigen Geschichte nicht nur mit der Romanze aus. Eine der schönsten Szenen ist Bachers Besuch von Teresas Grundschulklasse, bei dem sich endlich auch die helle Seite des Schriftstellers offenbart.

 

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