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„Sind wir ein Volk?“, ZDF Gut drauf beim Kartoffel-Sortieren

Am Vorabend der Feiern zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung lässt das ZDF Maybrit Illner darüber diskutieren, ob die Operation gelungen ist.

Maybrit Illner talkte im ZDF zum Thema "Sind wir ein Volk?" Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei

Wenn Mutter von ihrer Flucht in den letzten Kriegstagen erzählte, kam immer „der Russe“ vor. Damit war aber nicht ein Einzelner gemeint, sondern die Sowjet-Armee.  Dieses Feindbild machte sich Adenauers CDU in den fünfziger Jahren bei ihren Wahlkämpfen zunutze, und wenngleich „der Russe“ aus dem offiziellen Sprachgebrauch verschwunden (und durch „Putin“ ersetzt) sein mag: An den Stammtischen wird immer noch von den anderen Nationen als „der Franzose“ oder „der Engländer“ schwadroniert – wie sie auf der Insel (etwa beim Fußballspielen) regelmäßig „den Deutschen“ vorführen. Den es so natürlich nicht gibt, wie Statistiken über Herkunft hinreichend belegen. Fortschrittliche Denker weisen darauf hin, dass das Konzept der „Nation“ überholt ist. Das Festhalten an dieser Fiktion aber ist Ursache von Konflikten und Katastrophen ohne Zahl. Und insofern müsste man den Versuch des ZDF kritisieren, mit der Sendung „Sind wir ein Volk?“ eben diese Fiktion erneut zu beschwören.

Aber nun geht es ja um die „Wiedervereinigung“ (ohne die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze) vor 25 Jahren und um den Gedanken, ob die Menschen aus zwei deutschen Staaten seither zu einer Einheit gefunden haben. Und selbstredend wissen die Redakteure, dass die Frage ohne schlüssige Antwort bleiben muss – eben weil „das Volk“ so heterogen ist wie die gut 80 Millionen Individuen, die dazu gezählt werden. Maybrit Illners Redaktion allerdings fand einen Weg, das Thema zu unterlaufen und damit zugleich eine passende Antwort zu geben. Die Moderatorin leitete schon anfangs geschickt darauf hin, indem sie  den aus Ostdeutschland stammenden Jan Josef Liefers nach den Zäunen in Ungarn befragte. Trotz seiner lauen Antwort („kommt mir falsch vor“) war damit das Thema angeschlagen. Zudem war die türkischstämmige deutsche Journalistin Özlem Topcu zu Gast, die den Weg zur Gegenwart wies: „Wir waren nicht gemeint mit der Einheit“ hat sie damals erfahren.

Jörges gibt den Einheits-Kritiker

Aber zunächst konnte Liefers noch die Anekdote zum Besten geben, dass ihm DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf nach seiner (Liefers’) Rede am 4. November auf dem Alexanderplatz ein Stück Pflaumenkuchen angeboten habe („da wusste ich, dass es mit der DDR zuende geht“). Und  der unvermeidliche Ulrich Jörges vom Stern durfte den Einheits-Kritiker geben und darauf hinweisen, dass die Ossis in den Etagen der Eliten von Wirtschaft, Justiz und Militär nichts zu melden hätten. Er prophezeite, dass „der Osten auch nicht mehr aufschließen wird zum Westen“. Da hätte man ja weitermachen können, aber die Sendung war ja auf gute Laune gepolt, also ließ die wie immer heitere Maybrit Illner das mal so stehen und ihren Sidekick Lutz von der Horst (als Reporter der heute show bekannt) Späßchen über die Haarfarbe ostdeutscher Frauen machen.

Bevor es allzu klamaukig wurde, durfte Finanzminister Wolfgang Schäuble noch sagen, dass es damals bei der Unterzeichnung kaum Probleme gab, obwohl es alles „wahnsinnig aufregend“ war, und ausgiebig seine Chefin Angela Merkel für ihre Fähigkeit loben, das Thema Integration anzupacken. Und selbstverständlich sei die Einheit „doch ganz gut gelungen“. Ob man den Kraftakt von damals heute wiederholen könne für die  Flüchtlinge, fragte Illner, wieder versuchend, das Thema zu eröffnen. Statt einer Antwort gab’s Statistiken, die erneut belegten, dass Ostdeutschland hinterherhinkt – außer im Harz, dessen Westteil dem Anschein nach abgehängt wurde.

Als es um den „Soli“ ging, war es erneut an Jörges, darauf hinzuweisen, dass man das vorhandene Geld dahin schicken solle, wo es gebraucht werde – womit man endgültig bei den aktuellen Einwanderern war. Und schon kam ein Einspielfilm über den jungen Nigerianer Emanuel, der einem Bauern in Bayern hilft und von dem gelobt wird: „Der ist schon gut drauf im Kartoffeln sortieren.“ Zu den vielen Binsenweisheiten beim Umgang mit Asylbewerbern, die dennoch nicht oft genug wiederholt werden können, gehört, dass man den Ankömmlingen Arbeit geben muss. Ein Bayerischer Landrat berichtete ausführlich von der Mühe, die er mit der Verwaltung der Zugezogenen habe, und Historiker Heinrich August Winkler durfte als graue Eminenz vor Selbstbeweihräucherung warnen und auf die „besondere Verantwortung“ der Deutschen hinweisen: „Nur nicht den starken Max markieren!“

Aber natürlich sei Deutschland durch die Wiedervereinigung gestärkt worden.  Was zweifellos auch durch die Aufnahme der Flüchtlinge geschehen wird, wie der britische Satiriker John Oliver in seiner Late-Night-Sendung „Last Week Tonight“ unlängst vorführte. Und Illners Schlussfrage, was eine Tochter syrischer Flüchtlinge in 25 Jahren sein werde, beantwortete Özlem Topcu passend: eine Tochter syrischer Flüchtlinge, die sich im Ausland als deutsche Staatsbürgerin vorstelle und dann gesagt bekomme: „Ach, so sehen die Deutschen heute aus?“ Müssen wir also unbedingt „ein Volk“ sein?

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