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„Silicon Valley: Wo die Zukunft gemacht wird“ (Arte) Wie ein akustischer Mahlstrom

Die Arte-Dokumentation über das Silicon Valley will eine Warnung vor Facebook & Co. sein, erliegt aber der Faszination von Visionären wie Mark Zuckerberg und ist filmisch völlig einfallslos.

„Silicon Valley: Wo die Zukunft gemacht wird“
Im Silicon Valley, im Süden der Bucht von San Francisco, entscheidet sich auf wenigen hundert Quadratkilometern die Zukunft der Welt. Foto: Pumpernickel Films

In den Fünfzigerjahren war zumindest der Westen geradezu beseelt von einem naiven Glauben an die Technik. Das war sicher auch eine Frage der Erschwinglichkeit: Dank des wundersamen Wirtschaftswachstums ließ sich der Fortschritt im Alltag miterleben. Technokraten träumten von einer Welt, die wie eine gut geölte Maschine funktioniert, wie es in diesem Dokumentarfilm über das Silicon Valley heißt.

In Amerika wurde Technocracy Incorporated gegründet, eine Gruppierung, die das politische System durch das wissenschaftliche Ordnungsprinzip ersetzen wollte. Das zeitgenössische Schwarzweißmaterial zeigt Bilder von Männern in grauen Anzügen, die in grauen Autos ausschwärmen, um das Land zu verändern; die Aufnahmen erinnern an Michael Endes Roman „Momo“, in dem die „grauen Herren“ von der Zeitsparkasse die Menschen überreden wollen, Zeit zu sparen. Ähnlich eindrucksvoll und beredt sind Ausschnitte aus sechzig Jahre alten Interviews mit dem Schriftsteller Aldous Huxley und seiner Kollegin Ayn Rand.

Der eine hatte gerade seine erschreckende Zukunftsvision „Schöne neue Welt“ veröffentlicht, die andere wandte sich in ihren Schriften gegen den moralischen Altruismus und pries den Kapitalismus als einzig wahres Wertesystem, weil er das Individuum in den Mittelpunkt stelle.

Mit diesen beiden Polen als Ausgangspunkt ließen sich spannende Geschichten über die Gegenwart erzählen, denn Rand und Huxley markieren noch heute die beiden gegensätzlichen Haltungen unserer Gesellschaft: hier die Apologeten einer Welt, die komplett den Algorithmen überlassen werden sollte; dort die Mahnungen vor zunehmender Ungleichheit, weil künstliche Intelligenzen Millionen von Arbeitsplätzen vernichten würden. Diese Positionen kommen in David Carr-Browns Film durchaus zur Sprache; aber weitgehend ungeordnet, viel zu wenig zugespitzt und filmisch völlig einfallslos.

Im Grunde ist „Silicon Valley“ eine knapp achtzigminütige Vorlesung mit verschiedenen Rednern, weil sich Interview an Interview reiht. Visionäre der Branche wie Mark Zuckerberg (Facebook) oder Paypal-Gründer Peter Thiel tauchen allerdings nur bei öffentlichen Auftritten auf, wenn sie an Diskussionen teilnehmen oder Reden halten. Einige von Carr-Browns Gesprächspartnern sind zwar trotzdem spannend, aber viele interessante Aussagen gehen in dem Mahlstrom ununterbrochenen Geredes unter.

Dabei wäre es nicht schwer gewesen, den Film auch optisch ansprechend zu gestalten, ohne gleich in den Assoziationsstil der Arbeiten von Michael Moore („Bowling for Columbine“) zu verfallen. Carr-Brown beschränkt sich jedoch weitgehend darauf, redende Köpfe zu zeigen. Abgesehen von den wenigen älteren Ausschnitten wird die Optik nur durch gelegentliche Aufnahmen der Firmensitze oder Schmuckbilder der Gegend rund um San Francisco unterbrochen. Ärgerlicher ist allerdings das Fehlen einer Struktur, weshalb die vielen Redebeiträge wahllos aneinandergereiht zu sein scheinen.

Die Auswahl der Interviewpartner lässt zwar vermuten, dass der Regisseur eher zu den Mahnern als zu den Euphorikern gehört, aber er hat sich der Faszination der im Silicon Valley entworfenen neuen Welt nicht gänzlich entziehen können: Er preist die Visionäre als Pioniere und vergleicht sie mit jenen Abenteurern, die vor fünfhundert Jahren aufgebrochen sind, um den Horizont der Menschheit zu erweitern.

Dazu passt ein charismatischer Auftritt Zuckerbergs, der wie ein Prediger über einer Welt ohne Krankheiten spricht. Carr-Brown lässt zwar mehrfach darauf hinweisen, dass sich Facebook und Co. letztlich nicht der Menschheit, sondern allein ihren Aktionären verpflichtet fühlten, doch ansonsten hält er sich mit Kritik viel zu sehr zurück; selbst wenn sein Film noch vor Bekanntwerden des Cambridge-Analytica-Skandals entstanden ist (das Datenanalyse-Unternehmen hat, vereinfacht gesagt, widerrechtlich Daten von Facebook-Nutzern zu Wahlkampfzwecken missbraucht).

Während sich Carr-Brown auf einer allzu akademischen Ebene und daher viel zu abstrakt mit dem Thema auseinandersetzt, weist Katharina Schickling in ihrem im Anschluss gezeigten Film „Hysterie ums Netz“ (23.20 Uhr) auf die ganz konkreten Konsequenzen für jeden einzelnen Nutzer hin. Sie zeigt unter anderem am Beispiel einer Familie, wie sehr das Internet den Alltag beeinflusst. Außerdem wird deutlich, dass die meisten Menschen keine Ahnung haben, worauf sie sich einlassen, wenn sie ihr Smartphone zücken. Aus Verbrauchersicht wäre es sicher geschickter gewesen, wenn Arte die beiden Filme in umgekehrter Reihenfolge programmiert hätte.

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