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„Sigmar Seelenbrecht" Farbfernsehen und andere Lügen

In einer Sondersendung würdigt die ARD die Reporterlegende Sigmar Seelenbrecht zu dessen 81. Geburtstag.

Foto: WDR/Beba Lindhorst

Man weiß nicht, wie Joseph Ratzinger trauerte. Aber er muss tief getroffen gewesen sein vom Tod seines Haustiers. Denn es wurde erschossen, ruchlos gemeuchelt. Und die Welt war Zeuge. Aber sie ahnte nichts von der Verbindung zwischen dem Opfer eines rabiaten Jägers und dem Chef der Glaubenskongregation im Vatikan. Diese Verbindung nun enthüllt zu haben, ist das Verdienst von Sigmar Seelenbrecht. Er hat das Geheimnis anlässlich einer TV-Dokumentation über sein bewegtes Leben gelüftet. Denn niemand anderes als Bruno, der als Problembär verkannte Meister Petz, war Joseph Ratzingers Pet, sein tierischer Gefährte.

Das deutsche Fernsehen würdigt – endlich, zu seinem 81. Wiegenfest, – einen Großen des TV-Journalismus, eine Reporterlegende: Sigmar Seelenbrecht. Was hat der Mann nicht alles geleistet! Schon 1967 hat er zu Beginn seiner Karriere gleich einen  Coup gelandet, der ihn auf die Titelseite des Spiegel brachte: Seelenbrecht hatte nämlich herausgefunden, dass das Farbfernsehen bei einer Einführung gar nicht in Farbe sendete, sondern durch die Verwendung von einem durch die Fernsehgeräte verströmten Halluzinogen namens LST den Zuschauern suggerierte, sie sähen eine Farbfernsehsendung. „Die bunte Lüge, LST aus der Röhre“ hieß der Spiegel-Titel damals, und Moderator Günther Jauch kann sich noch gut daran erinnern.

Sigmar Seelenbrecht war aus der Blütezeit des Wohnzimmer-Kinos nicht wegzudenken. Man sieht ihn in diesem Porträt noch einmal mit den Größen der Bonner Republik, zwischen Helmut Schmidt und Rainer Barzel und im Interview mit Willy Brandt, der  dem Reporter gegenüber die Täuschung mit dem LST unumwunden zugibt. Kein Wunder, dass im Hause Brandt nur von „Armleuchter Seelenbrecht“ gesprochen wurde, wie sich Sohn Matthias bei einem kurzen Besuch gerade während der Aufnahmen erinnert.

Sigmar Seelenbrecht blickt zurück. In seiner stets etwas überhastet wirkenden, leicht vernuschelten Berliner Diktion (was die Frage aufwirft, wie jemand mit dieser Art zu sprechen es bis zum TV-Reporter bringen konnte) lässt er seine Erfolge,  brisante Sensationen von sensationeller Brisanz, noch einmal Revue passieren: die Einführung des autofreien Sonntags zum Beispiel, die er als ARD-Umwelt-Experte bewirkt hatte. Nach ihm ist der Seelenbrecht-Index zur Ermittlung des Abgas-Ausstoßes bei PkW benannt.

Wenig erstaunlich, dass renommierte Journalisten wie „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo („So einer fehlt uns heute“), Ulrich Wickert („Das ist keiner, der mit dem Konjunktiv arbeitet“) oder Anne Will („Da saß jeder Satz“) kaum verhohlene Bewunderung für den Tausendsassa äußern: Hat er doch auch aufgedeckt, dass bundesdeutsche Sportler wie Klaus Peter Thaler, Boris Becker, Bernhard Langer oder Michael Groß ihre größten Erfolge einem mit Glykol versetzten Wein, dargereicht auf dem Ball des Sports, verdankten.

Und es ist bei einem so bewegten Leben nur noch eine Randnotiz, dass ein kleines Lied, das er seiner Mutter zu deren Geburtstag gewidmet hatte, später zu einem weltweiten Hit wurde. Ein gewisser Mick Jagger hatte sich die Melodie, die er bei  einem Treffen mit dem Reporter gehört hatte, wohl gemerkt und sie als „Angie“ auf  einer Rolling-Stones-LP verwendet.

Beim Schlussbild dieses spannenden Porträts eines bedeutenden Vertreters des journalistischen Standes, der heute mehr denn je angefeindet wird, sieht man den greisen Streiter für Wahrheit und korrekte Information passend vor Schloss Bellevue dem Sonnenuntergang (der war’s der -aufgang?) entgegenschreiten.

Und sollte Ihnen, verehrte Leserschaft, der Name Sigmar Seelenbrecht tatsächlich noch nicht  geläufig sein, dann schauen Sie doch mal bei Wikipedia nach. Da ist er unter seinem Pseudonym Olli Dittrich zu finden.

 

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