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„Sieben Seiten der Wahrheit“, Arte Sechs von Sieben

Die australische Miniserie „Sieben Seiten der Wahrheit“ präsentiert an zwei Abenden sechs verschiedene Perspektiven auf eine Kindesentführung – und wird ihrer Romanvorlage beinahe voll gerecht.

Anna (Leeanna Walsman) und Joe (Alex Dimitriades) sind in großer Sorge um ihren Sohn. Foto: Matchbox Pictures

Als der Australische Autor und Anwalt Elliot Perlman 2003 seinen inzwischen mehrfach preisgekrönten Roman „Seven Types of Ambiguity“ veröffentlichte, wurde schnell klar, dass das nichts für simple Gemüter ist: Ein Ziegelstein von einem Buch, mit über 600 Seiten im Original (und auf deutsch gar 880 Seiten), ein Werk mit übergroßen Ansprüchen – die es aber auch erfüllen kann. Es sind eher sieben Kurznovellen hintereinander, die sich allesamt um einen schicksalhaften Tag drehen, an dem ein Kind vom Exfreund der Mutter entführt und schließlich unversehrt zurückgebracht wurde. Was war geschehen? In sieben verschiedenen Perspektiven kommt man dem komplexen Sachverhalt langsam näher.

Der Roman, ein voller Erfolg bei Kritik und Publikum, wurde für seine Beobachtungsgabe, seine Komplexität und seine brillante Struktur gelobt – und galt natürlich als völlig unverfilmbar. Bis, ja bis dieses wundersame Genre der Miniserie auch nach Australien kam. Mit ihrem langen Atem bietet sich die Form geradezu für moderne Literaturverfilmungen an, was Beispiele wie „Olive Kitteridge“, „Wolf Hall“ oder „Parade's End“ des öfteren bewiesen haben.

Und so gibt es also an zwei Abenden die vielen, jeweils einstündigen, Perspektiven auf de Entführung des zehnjährigen Sam Marin – erst aus der Sicht seines Vater, von seinem Kollegen;  vom Psychiater des vermeintlichen Täters Simon; von seiner Nachbarin; von seiner Strafverteidigerin; und schließlich von der Mutter. Das sind, richtig, nur sechs Perspektiven. Und diese kleine Kürzung im Konzept steht stellvertretend für eine faszinierende, sicherlich lohnende, aber letztlich nur fast perfekte Adaption.

Denn so angenehm vielschichtig dieses Miniserie gerade im Vergleich zu hiesigen TV-Narrationen ist, und so wunderbar Hugo Weaving in seiner preisgekrönten Rolle als Psychiater imitten eines generell soliden Ensembles auch glänzt – in diesem Fall waren vielleicht sogar 6 Stunden noch zu wenig. Wo der Roman sich viel Zeit lässt und die zahlreichen Verstrickungen und Überlappungen der eng miteinander verwobenen Figuren zu erforschen, geht es in der Verfilmung manchmal ganz schön schnell und ganz schön hoch her. Die Intrigen, sexuellen Verstrickungen und überraschenden Offenbarung klappen ein wenig zu zahlreich auf, was die Serie manchmal erschreckend nah am Abgrund der Seifenoper schwanken lässt.

Aber auch, wenn es aus Zeitmangel manchmal etwas wenig subtil angeht, ist dieser farbetsättigt gefilmte und schonungslos gespielte Reigen der Hauptfiguren, die allesamt ihre kleine Geheimnisse und moralischen Fallstricke haben, trotzdem ein faszinierendes TV-Experiment mit einem zutiefst befriedigenden Ende.

 

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