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„Shakespeares letzte Runde“ Jahrmarkt der Eitelkeiten

Zu Ehren des großen Dramatikers lässt Achim Bornhak ein hochkarätiges Ensemble die berühmtesten Shakespeare-Figuren als Narren des Schicksals in einem Berliner Szenelokal verkörpern.

27.04.2016 08:52
Tilmann P. Gangloff
Im Tode für immer vereint: Romeo (Burak Yigit) und Julia (Carolyn Genzkow). Foto: ZDF / © ZDF / Clemens Baumeister

Schon allein die Idee ist brillant: In dem angesagten Berliner Lokal The Globe treffen sich am Abend des Valentinstages die berühmtesten Shakespeare-Figuren, um sich wie auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu präsentieren. Der Alkohol fließt in Strömen und lockert die Zungen, die Drogen des Dealers Puck (Arndt Schwering-Sohnrey) tun ein Übriges, und so beginnt ein Reigen, wie ihn das deutsche Fernsehen noch nicht gesehen hat. Das Drehbuch, an dem gleich fünf Menschen beteiligt waren, bedient sich einerseits bei Shakespeare, siedelt die Handlung aber andererseits in der heutigen Berliner Boheme an, denn sämtliche Mitwirkenden gieren nach Aufmerksamkeit. Wer hier nicht mitmischt, ist ein Niemand, doch in Wirklichkeit sind sie allesamt Narren des Schicksals; keiner weiß das besser als ein geheimnisvoller Mann namens Will (Alexander Scheer), dem das Lokal gehört. Er ist der wahre Dealer, sagt Puck, denn seine Droge ist die Aufmerksamkeit.

Zunächst tauschen die Mitwirkenden, allen voran Filmproduzent Oberon (Reiner Schöne) und die ihm angetraute Schauspielerin Titania (Iris Berben), bloß erlesen formulierte Zynismen aus, aber dann eskalieren die Ereignisse: Aus Seitenhieben werden Bosheiten, aus Feindseligkeit wird Handgreiflichkeit, aus Flirts wird Sex hinter der Garderobe oder auf dem Klo. Der krankhaft eifersüchtige Waffenhändler Othello (Tonio Arango) zerrt seine schöne junge Freundin Desdemona (Ruby O. Fee) an den Haaren aus dem Lokal, Lady Macbeth (Catrin Striebeck) säuft sich unter den Tisch, der einsame Hamlet (Max Hegewald) baggert vergeblich die zugedröhnte Julia (Carolyn Genzkow) an, die von der heilen Welt in der Uckermark träumt; später wird sich Romeo (Burak Yigit) angesichts ihrer vermeintlichen Leblosigkeit eine Überdosis geben. Derweil lässt sich Falstaff (Heiko Pinkowski) hemmungslos auf Kosten des Hauses volllaufen, damit er nicht verrät, dass das Globe geschlossen wird. Am Ende zieht die Karawane zu den Spielmannszugklängen von „Das gab’s nur einmal“ weiter: Gegenüber hat The New Globe eröffnet.

Initiatoren des Projekts waren Produzent Stefan Wieduwilt, Wolfgang Bergmann, früher Leiter des ZDF-Theaterkanals und heute Geschäftsführer von Arte Deutschland, sowie Meike Klingenberg; die Leiterin der Theaterredaktion ZDF/3sat hat mit Bergmann von „Baal“ und „Lulu“ bis „Werther“ und „Woyzeck“ sämtliche 3sat-Theaterfilme betreut. Das Trio ist laut Bergmann eine ganze Weile lang mit der Idee schwanger gegangen, aber dann musste die Umsetzung im Hinblick auf Shakespeares 400. Todestag am 23. April plötzlich sehr schnell passieren, und Regisseur Achim Bornhak hatte bloß zwei Wochen Zeit, um den Film zu drehen.

Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis umso beachtlicher, schließlich ist „Shakespeares letzte Runde“ ein Ensemblewerk. Bornhak hat viel mit mehreren Kameras gedreht und nutzt für den Film das „Split Screen“-Verfahren, so dass man die Darbietungen oft aus verschiedenen Perspektiven sieht. Gelegentlich übertreibt er das Spiel etwas, wenn der Bildschirm gleich fünf verschiedene Bilder zeigt, aber in den meisten Szenen sorgt die Methode für echten Erkenntnisgewinn; etwa, wenn der selbstverliebte Oberon sein Pfauenrad schlägt und Bornhak wie bei einem Tryptichon links im Bild den Produzenten, rechts die ihm gegenüber am anderen Kopfende sitzende gelangweilte Titania und in der Mitte die mit großen Augen und Ohren lauschenden Speichellecker zeigt.

Natürlich macht die ganze Sache viel mehr Spaß, wenn man die Figuren und die Shakespeare-Stücke kennt (unbedingt zu erwähnen sind noch Wilfried Hochholdinger als Minister Macbeth, der immer wieder von Horrorvisionen gepeinigt wird, und Anneke Kim Sarnau als Kolumnistin Beatrice, die hingebungsvoll ihr verbales Gift verspritzt). Laut Bergmann wollten die Beteiligten aber ausdrücklich kein großes Shakespeare-Rätsel inszenieren. Er sieht den Film als „interessanten, lustigen, etwas schrillen und zuweilen auch nachdenklichen Kommentar auf die heutige Hipster-Gesellschaft, der eine Persiflage auf die Berliner Möchtegern-Boheme liefern soll.“ Zuschauer, denen Shakespeares Dichtung nur entfernt geläufig ist, werden sich immerhin an den namhaften Darstellern und den ausgesuchten Dialogen erfreuen, die eine gekonnte Mischung aus Shakespeare-Versen und heutigen Kreationen sind. Trotzdem ist der Reiz eindeutig größer, wenn man seine Kenntnisse vorher ein bisschen auffrischt.

Ähnlich beeindruckend wie die ausgezeichnete Kameraarbeit (Clemens Baumeister) ist auch die Musik (Steffen Kahles), die über weite Strecken allein aus Perkussion besteht, in den dramaturgisch wichtigen Momenten wie etwa der Ankunft der wichtigen Gäste aber auch große Wucht entfaltet. Insgesamt also ein überaus reizvolles Experiment, das schon allein wegen der illustren Besetzung sehenswert ist.

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