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„Selbstgespräche - mit Konstantin Pfau“, ARD Schulterschluss, tragfähig

Olli Dittrich parodiert als eitler Talkshow-Moderator das Fernseh-Interview und wird dabei politisch.

Als Philosoph landetet er mit „Hegel to go“ einen Bestseller. Als Moderator vertieft Konstantin Pfau im Halbdunkel seines intimen Eins-zu-eins-Talks Einsichten in bedeutende Aspekte unserer Zeit. Und das auf höchstem Niveau. Foto: WDR/Beba Lindhorst/becground tv

Er ist wieder da. Aber wer ist er denn eigentlich? Ist es Schorsch Aigner, der Mann, der Franz Beckenbauer war? Ist es der rastlose Reporter Sandro Zahlemann oder der selbstverliebte Friseur Dietmar, der Kollegin Jennifer drangsaliert?

Es ist diesmal keiner von ihnen und doch derselbe: Olli Dittrich hat wieder eine kleine Perle der Medienkritik gezüchtet und spielt nun einen Mann, der im Fernsehen Zwiegespräche mit Prominenten führt: Konstantin Pfau. Dass seine Sendung den Titel „Selbstgespräche“ führt, ist nur konsequent – geht es den realen Vorbildern doch auch darum, sich selbst ins rechte Licht zu setzen als Dialogpartner einer Geistesgröße. Kein Schelm, wer dabei Böses über Richard David Precht denkt ...

Konstantin Pfau, der leicht schwäbelnde Interviewer mit schulterlangem grauen Haupthaar und dezentem Bärtchen, ein Musketier gepflegter Abendunterhaltung, begegnet in seiner kargen Studiokulisse drei recht unterschiedlichen Gästen: dem Libanesen Youssef Al Boustani, dem britischen „Brexit-Exiter“ Michael Trevor Pitchford und dem deutschen Diplomaten Jörn Philipp Echternach, „Kurzbotschafter in Ankara“. Und daran deutet sich schon an, was Dittrichs neue Satire von den vergangenen unterscheidet: Der Meister subtiler Komik zeigt sich diesmal stärker als Zoon politikon.

Während sein „Dittsche“ direkt und dem Volk aufs Großmaul schauend die aktuellen Nachrichten kommentiert, lässt der distinguierte Kollege Pfau seine Gesprächspartner einiges von dem Wahnsinn der vergangenen zwölf Monate reflektieren – die Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. So hat Al Boustani, aus Tripoli stammender Sohn einer deutschen Mutter und libanesischen Vaters, das Bundesverdienstkreuz bekommen – für „präventive Integration“. Seine außerordentliche Leistung bestand darin, Til Schweigers Auftritte in der „Lindenstraße“ ins Arabische zu synchronisieren.

Und wer nun glaubt, Dittrich wolle Schweiger veralbern, darf später den Einspieler mit dem echten Schweiger erleben. Und Al Boustani hat einen Grund für die Mühsal der Synchronisation: Die „Lindenstraße“ zeige ein Deutschland, „was keiner kennt: friedlich und freundlich“... Auch zeigt sich der leutselige Libanese als Weltbürger, der auf seinen Reisen viel fotografiert hat: Schranken. Sein Fotoprojekt mit dem Titel „No Stop für Peace“ hat allerdings auf You Tube nicht ganz so viele Klicks bekommen wie die acht Millionen für die arabische „Lindenstraßen“-Version: 130.

Beinahe bitter, und damit im Wortsinne satirisch, wird es bei Pfaus Versuch, dem Diplomaten Echternach Auskunft über seine Tätigkeit in Ankara zu entlocken. Dittrichs von jeher versierte Persiflage öffentlichen Sprechens entlarvt hier die Hilflosigkeit deutscher Politik gegenüber den Schikanen Erdogans.

Der „Kurzbotschafter“, drangsaliert bis zum Äußersten – ihm wurde der Dienst-Mercedes genommen und als Schrotthaufen zurückgegeben –, ist zu keiner einzigen klaren Aussage zu bewegen und antwortet etwa auf Pfaus Fragen, man müsse „konstruktiven Herausforderungen im tragfähigen Schulterschluss“ begegnen. Meinungsverschiedenheiten mit seinem Dienstherrn beschreibt Echternach als „differenzierte Zustimmung“, und das Wesen bundesdeutscher Türkei-Diplomatie verdichtet er in dem Satz: „Positionen unterscheiden sich nicht. Sie haben nur einen unterschiedlichen Standpunkt.“

Etwas abfallend gegenüber den anderen Gästen ist das Gespräch mit Michael Trevor Pitchford, weil Dittrich hier das Absurde eine Windung weiter dreht. Der Brite leidet nämlich, erkennbar am hellblonden Wirrschopf, unter der gleichen Krankheit wie sein Außenminister Boris Johnson: „Morbus Auri“: Die Haare dieser Menschen lassen sich angeblich zu Gold destillieren. Johnson hat seinen Leidensgenossen das Geheimnis der Prozedur für einen exorbitanten Preis verkauft, aber Pitchford, der Brexit Exiter“, musste feststellen, dass die Goldmacherei bei seinem Haar nicht funktioniert – nachdem er „den Verbrecher“ Johnson bezahlt hat. Sein womöglich für das gesamte Königreich geltendes Fazit: „Ich bin am Arsch“.

Notwendiges P.S.: Der Sendetermin ist ein schlechter Scherz der ARD.

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