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„Seit Du da bist“, ARD Kein reizender Fratz

Ausgesprochen schön gespielte Liebesgeschichte mit Martina Gedeck, in der nicht ein einziger Kuss fällt.

14.12.2016 08:23
Tilmann P. Gangloff
Jarek (Manuel Rubey) mit Claras Sohn Beat (Laurens Yassemipour). Foto: BR/Oberon Film GmbH/Alfons Kowatsch

Was auch immer der Autor und Regisseur Michael Hofmann in den zehn Jahren seit seinem Kinofilm „Eden“ gemacht hat: Wenn es der Vorbereitung auf „Seit Du da bist“ gedient hat, dann hat es sich gelohnt. Die Komödie ist überhaupt erst seine vierte Regiearbeit; zuvor hat er die Liebesgeschichte „Der Strand von Trouville“ (1998) sowie das Drama „Sophiiiie!“ (2002) mit Katharina Schüttler gedreht, die auch in seinem jüngsten Film mitwirkt. Sie spielt zwar nur eine Nebenfigur, bringt die Handlung jedoch ins Rollen: Alina, Betriebswirtschaftlerin und alleinerziehende Mutter, hat endlich einen Job gefunden.

Weil der neue Chef beim Vorstellungsgespräch klar macht, dass Kinder der Karriere im Unternehmen eher hinderlich seien, verschweigt sie ihre Tochter kurzerhand. Der Alltag der neunjährigen Lilia ist ohnehin perfekt durchorganisiert. Einzige Schwachstelle ist der Geigenunterricht, zu dem sie regelmäßig gebracht werden muss. Aber auch dafür findet sich eine Lösung, als Alina zufällig ihrem Ex-Freund begegnet: Jarek (Manuel Rubey) ist ein brotloser Künstler um die dreißig mit polnischen Wurzeln, kellnert in der Bar eines Freundes, die den treffenden Namen „Club der polnischen Versager“ trägt, und hat viel Zeit. Es gibt nur ein Problem: Lilia war schuld daran, dass sich Alina und Jarek getrennt haben. Der Maler springt trotzdem über seinen Schatten und findet zudem großen Gefallen an seiner Aufgabe, als er Geigenlehrerin Clara (Martina Gedeck) kennenlernt.

Das Mädchen und der Maler sind die zentralen Figuren der Handlung, und dennoch ist „Seit Du da bist“ eine Liebesgeschichte; auch wenn Hofmann, der anschließend die anspruchsvolle ARD-Freitagskomödie „Mein Sohn, der Klugscheißer“ gedreht hat, dies lange Zeit geschickt kaschiert. Wie ungewöhnlich die Romanze ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Tatsache, dass kein einziger Kuss fällt. Viel mutiger aber ist die gewagte Konzentration auf das Mädchen, doch die junge Allegra Tinnefeld in ihrer ersten Rolle ist ein kleines Wunder. Sie hat viele zum Teil recht anspruchsvolle Dialoge, zeigt aber nicht die kleinste Schwäche. Das gilt auch für eine emotionale Szene, in der Lilia den Tränen nahe ist, weil Alina einen Abendtermin hat; spätestens in solchen Momenten stoßen junge Darsteller empfindlich an ihre Grenzen. Nicht weniger eindrucksvoll ist die Wandlung der Figur: Lilia ist anfangs alles andere als ein reizender Fratz. Das Kind ist ein altkluger kleiner Kotzbrocken, der Jareks Schwächen ganz genau kennt und nicht bloß zielsicher seinen Finger in dessen Wunden legt, sondern auch genüsslich darin herumstochert.

Natürlich gehören zu solchen Szenen zwei: Manuel Rubey spielt seinen Part ähnlich vorzüglich. Das gilt nicht minder für Jareks unausgesprochene Gefühle für Clara, die er zunächst nur aus der Distanz erlebt. Dass die Lehrerin, die ihren drei Kindern zuliebe auf die Karriere verzichtet hat, mit einem unsympathischen Mann (Robert Palfrader) geschlagen ist, macht sie in Jareks Augen umso begehrenswerter; und selbstredend verkörpert Martina Gedeck die zwanzig Jahre ältere Geigerin als Frau zum Verlieben. Weil die Liebesgeschichte eher subkutan abläuft, bleibt in dieser deutsch-österreichischen Koproduktion viel Zeit für kleine komödiantische Einlagen.

Schon allein die Szenen mit Jarek und Claras Kindern sind immer wieder einfallsreich, gut gespielt und witzig inszeniert, erst recht, wenn auch noch Claras Mann Bertschi dazu stößt, um Jarek unmissverständlich klar zu machen, wer in diesem Haus das Sagen hat; Robert Palfrader verkörpert den Kunstkurator, der seine Frau betrügt, aber keinen Nebenbuhler duldet, angemessen böse. Neben den vielen situationskomischen Momenten sind die amüsanten Dialoggefechte ohnehin mit das Beste an diesem Film, der zudem dank der vielen Motorrollerfahrten Jareks durch die Stadt für eine TV-Produktion optisch ungewohnt aufwändig wirkt. Die Musik (Julius Kalmbacher) schließlich, die dank der dominierenden Hammond-Orgel sehr nach Siebzigerjahre klingt, gibt Hofmanns Werk ein ganz besonderes Flair.

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