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"Schorsch Aigner", ARD Der wahre Franz

Olli Dittrichs meisterhafte Parodie auf die Lichtgestalt des deutschen Fußballs.

Olli Dittrich als Franz Beckenbauer. Foto: WDR/Beba Lindhorst

Die Parodie ist als satirisches Genre im Fernsehen längst zu Tode geritten. All diese meist lachhaften Bemühungen von Herren wie Florian Schröder, Matthias Richling, Mario Barth oder Urban Priol – sie mögen für den Moment erheitern, rufen letztlich aber, vor allem weil ihre Interpreten sie ohne Maß strapazieren, nur noch Gähnen hervor. Doch es gibt eine Ausnahme im bundesdeutschen Unterhaltungsbetrieb, einen, der sich nicht mit der schnellen Lachnummer begnügt, sondern der durch die Lupe auf sein Motiv blickt, der einen langen Atem mitbringt beim Erlernen des richtigen Tonfalls, der sich mit  präziser Maske und Körperhaltung sein Opfer anverwandelt: Olli Dittrich.

Jetzt hat der Hamburger Komödiant nach dem „Frühstücksfernsehen“ und dem „Talk-Gespräch“ erneut ein Meisterstück der Fernseh-Satire geliefert und sich dabei eines altvertrauten Prominenten angenommen. Er hatte bei Harald Schmidt vor Jahren schon einmal eine Franz-Beckenbauer-Parodie geboten. Und als „"Schorsch" Aigner – der Mann, der Franz Beckenbauer war“ erweist Dittrich der Lichtgestalt des bundesdeutschen Fußballs nun erneut die Ehre und nimmt ihn so leichthändig auf die Schippe, dass die 30 Minuten des Films viel zu kurz erscheinen: Man könnte ihm noch länger zuhören – obwohl man das Original,  wenn er im Privatfernsehen als Chef-Schwurbler Spiele kommentiert, nur noch schwer erträgt.

„Irgendwann is amal gut“ lautet der erste Satz des Aigner Schorsch. Er hat eine fast lebenslange Rolle als Double hinter sich, die vielen Reisen, immer dieser Jetlag, und „mit dem Marokkaner auf  dem Kamel reiten“... Bei der rastlosen Tätigkeit seines Stars versteht man ihn (auch wenn der Stoßseufzer vermutlich dem Autor, und nicht nur ihm, aus dem Herzen gesprochen sein mag): Ob als Autogrammschreiber, Suppenkasper, Sänger, FIFA-Funktionär oder sogar als Kicker – stets musste der Aigner Schorsch zur Stelle sein, wenn der Franz mal wieder irgendetwas nicht konnte. Kein Wunder, dass der Versuch, auch noch als Spieler seinen Promi zu ersetzen, schiefgehen musste: Gleich zwei Eigentore unterliefen ihm.

Wie diese unschönen Flecken auf der Weste des Ausnahmefußballers sind auch die anderen Ereignisse, von denen der Aigner Schorsch erzählt,  wahre Begebenheiten aus dem Leben des Franz Beckenbauer. Immer wieder werden Originalaufnahmen mit ihm eingeblendet: ob als Sänger mit der Nationalelf, Auftritten bei Gottschalk, Begegnung mit Papst Benedikt oder auch  als Reklame-Figur für Knorr („ein Suppenspot, der sein ganzes Leben verändern sollte...“).

Die Autoren (Dittrich und Tom Theunissen) haben dabei nicht nur den Sprachgestus ihres Motivs, das rollende „R“ und das permanent eingestreute „ja“, oder die Körperhaltung mit der Hand in der Hosentasche studiert, sondern sind auch auf dem Stand, was die Form des Beitrags angeht. Denn sie parodieren ja nicht nur den „Kaiser“, sondern auch das Genre der Fernseh-Dokumentation, als „Mockumentary“. Der in diesem typischen nachdrücklichen Tonfall redende Sprecher erklärt, man habe bei „kickileaks“ und „unabhängig vom Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher“  recherchiert, Prominente von Uwe Seeler über Jörg Wontorra, Anthony Baffoe bis zu Ralph Siegel stehen als Zeitzeugen für die Wahrheit des Gezeigten. So liefert Guido Buchwald liefert die Erklärung für den berühmten Gang des Weltmeister-Trainers über den leeren Rasen im Stadion in Rom 1990: Beckenbauer habe ihn gefragt, ob er jetzt gerade mal „für Königstiger“ (Schorsch Aigner) gehen dürfe. Und danach ist dem Double eben dieser „eine große Gang“ nach dem Vorbild von „Brandt, Gandhi, Hannibal und Armstrong, diesem Luftikus“  eingefallen...

Und weil es zu so einem Mockumentary erster Klasse gehört, kommt auch die Verwirrung  des Funktionärs in Sachen Katar zur Sprache, als Beckenbauer schwadronierte, er habe keinen Sklaven auf der WM-Baustelle in Katar gesehen. Seine Schuld war’s nicht, beteuert Aigner, dass er sich da in die Nesseln gesetzt habe. Das Fax mit dem Redetext sei halt unleserlich gewesen, eigentlich habe er sagen sollen: „Ich habe in Katar noch nie einen schlafen gesehen“. Weil: „der Afrikaner, der baut gerne...“

Auch einträchtig kickend mit dem Paten des Weltfußballs wird Aigner gefilmt. Oder ist es doch Beckenbauer? Falls ja, wird er vielleicht bald von seiner Vergangenheit als Handaufhalter bei diversen WM-Bewerbungen eingeholt. Dann hat der Aigner Schorsch gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft. Denn er hat das Metier gewechselt und arbeitet jetzt als „Ghost-Maler“  – für Christine Neubauer.

Und so wäre es kein Wunder, wenn der Tausendsassa der deutschen Unterhaltungsbranche, dieser Oliver Michael „Olli“ Ringofire Dittsche Dittrich, demnächst als Vollweib auf dem Bildschirm zu erleben ist.

P.S.: Der Sendetermin dieses TV-Juwels um 23.30 Uhr ist ein Skandal und zeugt von der Verachtung der Programm-Macher für ihr  Publikum.

"Schorsch" Aigner – der Mann, der Franz Beckenbauer war, ARD, Donnerstag, 4. Juni, 23.30 Uhr.

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