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„Schockwellen“ (Arte) Menschliche Abgründe, tief ausgeleuchtet

Die Schweizer Miniserie „Schockwellen“ zeigt in vier Folgen sehr unterschiedliche, aber reale Kriminalfälle in meisterhafter Inszenierung – und führt endlich auch hierzulande ein paar wichtige neue Serien-Konzepte ein.

Szenen aus der Arte-Miniserie "Schockwellen"
In der Woche vor der Ermordung seiner Eltern notiert der 18-jährige Schüler Benjamin Gedanken und Beweggründe in einem Tagebuch. Am Tattag schickt er es per Post an seine Französischlehrerin. Foto: Bande à part Films/J.Lapoir/Arte

Willkommen zurück bei der Dauerausstellung der internationalen Miniserien bei Arte, die nun schon das ganze Jahr läuft und keinerlei Anzeichen von Ermüdung oder Schwäche zeigt. Und der Vierteiler, der diesen und nächsten Freitag geboten wird, führt gleich zwei wichtige neue Begriffe in die ach so tragisch zurückgebliebene deutsche Fernsehlandschaft ein: „true crime“ und „Anthology“-Serie.

Das „true crime“-Genre ist in Amerika seit einigen Jahren groß im Kommen. Die Mischung aus detaillierter Dokumentation und Fiktionalisierung in preisgekrönten Serien wie „Making a Murderer“, „The Jinx“ und „The People vs. OJ Simpson“ oder in Podcasts wie „Serial“, „Criminal“ und seit kurzem auch hierzulande in „Zeit: Verbrechen“ zeigen genau die Aspekte der Kriminalistik, die den üblichen Fiction-Krimis fehlen: Das schockierend Alltägliche, das beängstigend Ambivalente und das ungeschönt Realistische eines echten Mordfalls.

Die Anthology-Serie dagegen ist ein klassisches amerikanisches TV-Format, bei dem in jeder Folge eine neue, unabhängige Geschichte erzählt wird. Der populäre Vorreiter war sicher die „Twilight Zone“, aber mit „Black Mirror“, „American Horror Story“ oder eben auch „American Crime Story“ hat das Format wieder mächtig Konjunktur. Den Sprung über den großen Teich hat es trotzdem noch nicht geschafft – einfach weil es sehr aufwendig ist, für jede Folge nicht nur neue Geschichten, sondern auch neue Schauspieler und neue Schauplätze zu bezahlen.

Das schweizer-französische Filmmacher-Quartett Jean-Stéphane Bron, Ursula Meier, Frédéric Mermoud und Lionel Baier haben sich mit ihrer Produktionsgesellschaft nun dran gemacht, diese stolzen Traditionen auch in Europa auszuprobieren – mit einer vierteiligen Miniserie, die auf realen Schweizer Kriminalfällen beruht. Sie haben für ihre Pläne einige großkalibrige Schauspieler wie Fanny Ardant angeheuert und wurden mit einem Sonder-Screening auf der diesjährigen Berlinale belohnt. Aber funktioniert das Experiment?

Das erste Zeichen, dass die vier Pioniere wissen, was sie tun, ist die Vielfalt. Gleich die ersten beiden Folgen zeigen eine große Bandbreite: vom intimen Schuld-und-Sühne-Psychogramm „Tagebuch des Todes“ bis zum international Aufsehen erregenden Massenselbstmord der Sirius-Sekte „Reise ohne Wiederkehr“. Von der bürgerlichen Kleinwohnung in den Vororten von Lausanne direkt ins majestätische Alpenpanorama. Die einzige Konstante sind die menschlichen Abgründe, die hier ohne Scheu tief ausgeleuchtet werden. Die beiden Folgen am kommenden Freitag beleuchten dann noch das reale Schicksal eines arabisch-stämmigen Autoknackers auf der Flucht durch die Schweizer Alpen und eines Jugendlichen, der einem notorischen Serienmörder entkommen konnte. Dieser Mut, sich immer wieder in neue Themen und Bereiche zu wagen, ist ein wichtiges Element des Anthology-Konzepts, und das geht schon mal sehr gut auf.

Mit so unterschiedlichen Sujets und auch ästhetischen Herangehensweisen (die Folgen haben auch hinter der Kamera keine wiederkehrende Crew) ist es natürlich nicht einfach, die Miniserie über einen Kamm zu scheren und kollektiv zu beurteilen. Wie in „Black Mirror“ oder anderen Anthology-Serien gibt es spektakuläre Höhepunkte und eher spezielle Beiträge – aber fest steht, dass die vier Schweizer Filmemacher die Vorteile der beiden Genres erkannt haben und sehr effizient ausnutzen.

Das Anthology-Format hat zum Beispiel den Vorteil, dass es keine Brücken-Episoden braucht, die nur auf einen Staffelhöhepunkt zuarbeiten – jede Folge ist ihr eigener Höhepunkt. Und „Schockwellen“ schafft es tatsächlich, die Energie und die Intensität erschreckend hoch zu halten: Es gibt praktisch keinen Durchhänger in den vier Folgen.

Und auch das „true crime“-Genre haben die Filmemacher gut verstanden: In allen vier Beiträgen gibt es Komplikationen, moralische Fallstricke, Widersprüche und absurde Details, die sich kein Spielfilm ausdenken könnte – ob es wagen würde, sie sich auszudenken. Ein wichtiger Beitrag zur modernen Serienkunde also, das nicht nur wegen des Lernprozesses äußerst sehenswert ist. Die schiere Qualität sollte man auch nicht verpassen.

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