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„Schattengrund“, ZDF Der Besuch der jungen Dame

In der TV-Version ihres Romans „Schattengrund“ führt die Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann ihre Heldin in die Tiefen des Harzes. Dort eröffnet sich ihr eine gestrige Welt.

Schattengrund
Nicola Wagner (Josefine Preuß) erfährt vom Notar, was ihre Großtante ihr vererbt hat. Foto: Reiner Bajo/ZDF

Der Bitte der Kollegin im Callcenter, für sie am Abend einzuspringen, weil sie einem verheißungsvollen Rendezvous entgegensieht, kann Nicola Wagner (Josefine Preuß) nicht entsprechen. Sie hat einen Anwaltstermin. Ein Nachlassverwalter wartet auf sie, leise Hoffnungen regen sich, doch dann zieht sie eine Schnute: Das Erbe besteht aus einem Reisigbesen, einem faustgroßen Stein und einer Schachtel Streichhölzer. Erst bockt die junge Frau, dann besinnt sie sich gerade noch und tut gut daran. Da sie den „Sperrmüll“, wie sie sich auszudrücken beliebt, akzeptiert, erwirbt sie nun auch das Anrecht auf den anderen Teil des Erbes: das Haus Schattengrund im kleinen Harzdorf Siebenlehen. Dort lebte Wagners Tante Kiana, dort hatte sie als kleines Kind immer ihre Weihnachtsferien verbracht. Aber das ist lange her, und ihre Erinnerungen sind längst verschüttet.

In ihrem Gedächtnis liegt aber weit mehr begraben, als sie anfangs denkt. Unter Mühen und über Umwege gelangt sie in das eingeschneite Siebenlehen, wo sie auf wütende Ablehnung stößt. Die Bäckerin bedient sie nicht, der Holzhändler weist sie ab. Nur Leon Urban (Steve Windolf), dessen Familie den Dorfkrug besitzt, der aber selbst im Ausland wohnt und nur zu Besuch angereist ist, steht ihr bei.

Die Hilfe kann sie brauchen, denn die Zurückweisung durch die Dörfler nimmt immer heftigere Formen an, wird gar lebensbedrohlich. Mühsam bringt Wagner heraus, dass sie für den Tod eines jungen Mädchens verantwortlich gemacht wird. Sie sollen einst, als Wagner bei ihrer Tante zu Besuch war, an einem frostkalten Tag in den Berg entwichen sein. Nico überlebte, ihre Freundin Fili wurde tot in einem Stollen gefunden.

Nico Wagner ist sich sicher, dass diese Version der Geschichte falsch ist. Sie geht der Sache nach. Kein einfaches Vorhaben in einer feindlichen Umgebung, abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Handy.

Die Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann selbst hat ihren Roman „Schattengrund“ zu einem Drehbuch verarbeitet. Der preisgekrönte Regisseur Dror Zahavi übernahm die Inszenierung. Der gemeinsame Film fällt aus dem Rahmen gängiger Krimis. Herrmann ließ sich von den Mythen des Harzes und von der Landschaft inspirieren und Elemente der Fantastik in die Handlung einfließen. Insofern darf man Nachsicht walten lassen, was die Plausibilität der beschriebenen Verhaltensweisen anlangt. Nico Wagner ist eine moderne Frau – die auch als 32-Jährige immer noch görenhaft wirkende Josefine Preuß spielt sie mit einer überzeugenden Mischung aus Patzigkeit, verletzten Gefühlen, ein wenig Ungeschick und trotziger Hartnäckigkeit –, gerät aber im Bemühen, die Wünsche der verstorbenen Tante zu befolgen, in eine gestrige Welt. Es ist ein bisschen wie in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, mit veränderten Verantwortlichkeiten.

Lässt man diese Zeitlosigkeit und Weltferne auf sich wirken, erlebt man eine spannende, sich mählich verdichtende Geschichte, ein Gegenwartsmärchen, dessen Vorzug darin besteht, dass die beschriebenen Grausamkeiten allein in den Köpfen der Betrachter stattfinden. Wo andere mit drastischen Bildern aufs Jugendverbot aus sind und effekthascherisch dem Thrill nachjagen – siehe die ZDFneo-Serie „Parfum“ –, wird hier mit einer feineren Nadel gestrickt. Mit gutem Willen kann man eine Botschaft in diesen ZDF-Film hineinlesen, aber auch als Beispiel handwerklich gelungener Unterhaltung hat er Pluspunkte verdient.

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