22. Februar 201711°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Satirische Jahresrückblicke, ZDF Pulver verschossen

Oliver Welkes Jahresrückblick der „heute show“ leidet darunter, dass sich aus den schon zuvor behandelten Absurditäten der bundesdeutschen Politik kein neuer Honig saugen lässt.

Oliver Welke bewundert nach eigener Aussage den britischen Komiker John Oliver. Warum scheut er dessen Schärfe? Foto: imago

Dieses Jahr hatte es in sich. Die Nachrichten, gute wie schlechte, überschlugen sich, ein Skandal jagte die nächste Affäre – Stoff in Hülle und Fülle für Chronisten jeglicher Couleur: Auch die Komiker und Kabarettisten ließen sich selbstredend ihren Jahresrückblick nicht nehmen. So sendeten am späten Freitagabend dann Oliver Welke mit seiner „heute show“ und das seit Jahren im ZDF für satirische Bilanzen zuständige Duo Werner Doyé und Andreas Wiemers ihre Versionen von 2015.

Dabei erweis sich allerdings gerade die Häufung von Anlässen für Satire als Problem: Weil Welke und sein Team sich allwöchentlich schon an Fehltritten, Faxen und Farcen abgearbeitet hatten, bereitete es ihnen sichtlich Mühe, noch Funken aus den schon so häufiger vorgeführten Absurditäten des bundesdeutschen Alltags zu schlagen – als hätten sie ihr satirisches Pulver in den Sendungen zuvor schon verschossen.

Wenn Welke etwa den Streit zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer mit deren Stolpern auf dem CDU-Parteitag illustrierte, blieb er  hinter solchen Sottisen wie der von Linken-Chefin Katja Kipping zurück, die bei Maybrit Illner tags zuvor erklärte hatte, die beiden Unions-Spitzen würden ja eine Paar-Therapie auf offener Bühne absolvieren. Welke bewundert nach eigener Aussage den britischen Komiker John Oliver. Warum eigentlich scheut er dessen Schärfe?

Gernot Hassknechts Tiraden gegen die Abgas-Betrüger von VW entbehrten der über Beschimpfungen hinausgehenden satirischen Schärfe, und die abermalige Vorführung des stotternden Ex-DFB-Chefs Wolfgang Niersbach verkam zur bloßen Wiederholung. Gelungen immerhin die Unterlegung der Klinsmannschen Kabinen-Brandrede an seine Kicker mit einem Text, in dem er die Fußballer damit motivierte, dass Beckenbauer & Co. ja bei ihren Bestechungsversuchen erfolgreich gewesen seien. Die wiederholte Vergabe von „Goldenen Vollpfosten“ durch Carolin Kebekus hingegen fiel stark ab und war auch durch die Kraftausdrücke wie die (auf Beckenbauer gemünzte) „lebenslange Lizenz zum Scheißelabern“ nicht zu retten.

Welkes Methode, reale Fakten vorzutragen, um sie dann mit einem Standbild oder einem Sketch satirisch zu kommentieren, lebt auch von der Überraschung, und die ist bei einem Jahresrückblick nicht so leicht zu schaffen, was etwa beim Fall Björn Höcke die Frage aufwarf: Muss man den wirklich noch einmal bringen?

Einen Lichtblick bot die wiederbelebte Mandy Hausten als Ossi-Linke, denn sie erinnerte daran, dass Griechenland 14 profitable Flughäfen verkaufen musste – an die deutsche Fraport. Und Lutz van der Horst gelang es erneut, einen Einblick in den täglichen Wahnsinn dieser Republik zu verschaffen, als er Menschen interviewte, die „Chemtrails“, also die Kondensstreifen der Flugzeuge, für ein böses Werk finsterer Mächte wie der USA halten. Wie Kindergeburtstag wirkte dann nur noch die Schlussrunde mit der „heute show“-Mannschaft zum Thema Europa.

Fleißarbeit an Schnipselei

Im Anschluss durften Doyé und Wiemers ihre Sicht auf Sinn und Unsinn bundesdeutscher Politik der vergangenen zwölf Monate präsentieren.  Das taten sie wieder in ihrem gelassen-heiteren Tonfall, der im Gegensatz steht zu den Lastern und Lügen von Politikern.

Weil daran kein Mangel war, wurde der Rückblick zu einer Fleißarbeit an Schnipselei und zu einer Tour de Force, die mit den Griechen begann und mit dem satirischen Dauerbrenner Thomas de Maizière endete. Alexander Dobrindts Maut-Mogeleien wurden ebenso gegeißelt wie die groteske Umgang mit der Selektoren-Liste oder der Verschwendung von Steuergeld bei der Bundeswehr, nach dem Motto: heiter immer weiter ...

Gelungen etwa die Game-of-Thrones-Montage zum Thema AfD (auch wenn hier Höcke wieder zu Ehren kam) und die Entlarvung von Inkompetenz einiger Politiker bei einem wichtigen Thema wie TTIP: Sahra Wagenknecht und die Minister Christian Schmidt und Sigmar Gabriel konnten nicht erklären, was die Abkürzung bedeutet. Und der erste Platz als Lieferant für satirischen Stoff gebührt natürlich dem Vollhorst aus Bayern. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum