Lade Inhalte...

„Sarah Kohr - Mord im Alten Land“ (ZDF) Sie ist nur wütend

Trotz Schwächen in der Handlungsführung: Mit Kommissarin Sarah Kohr holt sich das ZDF eine vielversprechende Figur in den Kreis seiner Ermittlerinnen.

Sarah Kohr - Mord im Alten Land
Sarah Kohr (Lisa Maria Potthoff) wird zu Thomas Lichters (Marcus Mittermeier) Geisel. Foto: ZDF/Manju Sawhney

Die Situation ist so eindeutig, dass passionierte Krimifreunde ihr gleich misstrauen werden. Kommissarin Sarah Kohr (Lisa Maria Potthoff) wird von der Leitstelle zu einem Laborbetrieb beordert, sieht dort hinter einer verschlossenen Glastür eine Frau am Boden liegen, zertrümmert beherzt die Scheibe. Ein Mann erscheint, in der Hand ein blutiges Messer. Kohrs Warnschuss schreckt ihn nicht. Er flieht, wird aber bald darauf von einer Streife gefasst.

Autor Timo Berndt und Regisseur Marcus O. Rosenmüller starten temporeich. Und dynamisch geht es weiter in dem Kriminalfilm „Mord im alten Land“. Der mutmaßliche Mörder Thomas Lichter (Marcus Mittermeier) steht vor Gericht. Sarah Kohr ist als Zeugin geladen. Lichter beteuert seine Unschuld. Und er will sie beweisen. Er nimmt Kohr als Geisel, zwingt sie in den Kofferraum eines gekaperten Wagens, braust davon ins Alte Land. Dorthin, wo die Affäre ihren Anfang genommen hatte.

Kohr, da kommt zu keiner Zeit Bange auf, bleibt unbeschadet. Sie nimmt die Angelegenheit fortan persönlich. „Gibt es hier ein Problem?“, fragt ihr Kollege. Der Staatsanwalt wiegelt ab: „Nein, sie ist nur wütend.“ Und murmelt noch: „Eigentlich das Beste, was uns passieren kann.“

Später wird Kohr den Verdächtigen erneut stellen, dann aber gemeinsam mit ihm unter Beschuss geraten. Sie fliehen Seite an Seite, eine pfiffige Umkehrung des Kidnappings vom Beginn, die ohne Stockholm-Syndrom auskommt.

Es gibt viele gute Ideen und clevere Bildlösungen in diesem Film. Zum Beispiel Sarah Kohr im Kofferraum, nur vom Widerschein der Hecklampen beleuchtet. Oder die Szene mit vier Halbwüchsigen, denen Kohr eine Aussage zu entlocken versucht, während die Jugendlichen Marshmallows ins Lagerfeuer halten und verbohrt schweigend auf ihre Telefone starren.

Leider geht der Krimihandlung im zweiten Teil die Finesse verloren. Fortschritte macht die Klärung der Mordtat dank Sarah Kohrs exzellenter Beobachtungsgabe und ihrem Kombinationsvermögen. Ihr wird die detektivische Gabe eines Sherlock Holmes zugemessen, aber immer maßvoll, schon gar nicht überdreht wie in den britischen Holmes-Filmen mit Benedict Cumberbatch. Dennoch führt Autor Timo Berndt dann eine Figur ein, die einige der benötigten Fakten ganz nebenbei aus dem Ärmel schüttelt. Ungeduldig wirkt das, und es lässt der Hauptdarstellerin Lisa Maria Potthoff weniger Raum, die aparte Mischung aus Sprödigkeit und wacher Intelligenz auszuspielen, die die Figur der Sarah Kohr ausmacht. Gewisse Verhaltensweisen verdanken sich Kohrs unliebsamen Erfahrungen, von denen im eigentlich als Einzelfilm geplanten Vorgänger „Der letzte Kronzeuge – Flucht in die Alpen“ erzählt wurde. Wer ihn kennt, wird Kohrs einzelgängerische Art plausibel finden.

Tüchtig raufen kann sie auch, und weil Lisa Maria Potthoff die Zweikämpfe trainiert hat und sich laut Presseheft nicht doubeln ließ, wirken die betreffenden Szenen sportlicher und glaubwürdiger als das, was man sonst in deutschen Reihenkrimis an Prügeleien zu sehen bekommt.

Für eine geballte Portion Pikanterie sorgt der Umstand, dass Sarah Kohr auf eine Affäre mit Staatsanwalt Anton Mehringer (Herbert Knaup) zurückblickt und nun an der Seite von dessen Ehefrau Anna Mehringer (Stephanie Eidt) ermitteln muss. Da zieht schon mal ein frostiger Hauch durch die Dienststelle, wenn die Damen am selben Strang zu ziehen gezwungen sind.

Wer Sarah Kohrs erstes, im Februar 2014 ausgestrahltes Abenteuer in Erinnerung behalten hat, wird möglicherweise durch allerlei Grübeleien von der zeitweilig durchaus spannenden Handlung abgelenkt. Denn damals lebten die Strafverfolger und auch Sarah Kohrs Mutter in Berlin. Wie die nun alle gleichzeitig nach Norddeutschland gelangt sind - da erhält das Wort Versetzung eine mehrfache Bedeutung - und dort offenbar auf Anhieb gleichwertige Anstellungen gefunden haben, ist ein Rätsel, das seitens des ZDF vielleicht im Rahmen eines Geschichtenwettbewerbs gelöst werden könnte. Ein denkbarer erster Preis: eine Schütte ungespritzter Äpfel aus dem Alten Land.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen