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„Sanatorium Europa“, Arte Vom Zerwürfnis des Menschen mit sich selbst

Julia Benkerts kenntnisreicher Film über eine zeittypische Erkrankung von Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

„Sanatorium Europa“
Der Schrei der Europa Foto: Julia Benkert

Was ist der Unterschied zwischen „Neurasthenie“ und „Burnout“? Zwischen den beiden Vokabeln liegen zwölf Jahrzehnte sowie medizinisch-psychologische Beschreibungen unterschiedlicher Qualität und Präzision, aber beide Worte verweisen auf einen ähnlichen Symptomkreis des Leidens unter geforderten Leistungsprofilen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Neurasthenie eine zeittypische Erkrankung sensibler Intellektueller. Man begab sich, um sie zu kurieren, ins Sanatorium, für das Thomas Manns Romantitel „Der Zauberberg“ zur Chiffre wurde. Das Sanatorium gilt seither als Versammlungsort für eingebildete Kranke, Neurasthenie als überholte Bezeichnung einer neurologischen Symptomatik, die man heute gern unter dem verächtlichen Wort „Modekrankheit“ subsumiert. Allerdings war „Mode“ nicht immer ein Wort für kurzlebigen Oberflächen-Unsinn, sondern für Zeiterscheinungen, die alles andere waren als nur harmlos und dämlich: „Deine Zauber binden wieder / Was der Mode Schwerd getheilt“ schrieb Friedrich Schiller in seiner Ode an die Freude, die den Text zur Europa-Hymne der Gegenwart lieferte, und deutete damit an, dass Mode auch etwas Verletzendes oder gar Tödliches sein konnte.

Es war also die Mode, die Menschen wie Thomas und Heinrich Mann, Franz Kafka, Sigmund Freud, Karl May, Christian Morgenstern, Rudolf Steiner und viele Andere ins Sanatorium brachte. Eines der berühmtesten Sanatorien am Anfang des 20. Jahrhunderts war das des Dr. Hartung von Hartungen in Riva am oberen Gardasee. Dort wurden nicht nur Menschen therapiert, dort wurden auch Denkweisen entwickelt, in denen Begriffe von Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Natur und Natürlichkeit im Kontext moderner Philosophie zentrale Rollen spielten und von deren Auswirkungen wir bis heute zehren.

Julia Benkerts leiser, gedanken- und kenntnisreicher Film „Sanatorium Europa“ geht den Vorbildern dieser Gedankenwelten – Romantik, Nietzsche – und ihren Folgen – zum Beispiel die Lebensreform-Bewegung oder die auch längst schon wieder historische Hippie-Ära – nach und rückt dabei nicht besserwisserisch deren Dekadenz in den Fokus. Sie sucht die Erkrankung hinter den Symptomen und findet ein tiefes, lebensweltlich weiträumiges Zerwürfnis des ökonomisch getrimmten modernen Menschen mit sich selbst als deren Quelle. Und sie findet eine permanente kritische Auseinandersetzung damit in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft.

War es der Erste Weltkrieg, dessen Vorboten die Neurastheniker spürten? Jenes Krieges, der Europa verwüstete und einen nie dagewesenen Zivilisationsbruch markierte, den der Zweite Weltkrieg dann noch übertraf? Um was für eine Erkrankhung handelte es sich also?

Letztlich waren die dekadente Klinik am Gardasee oder der anarchistisch-lebensreformerische Monte Verità am Lago Maggiore auch nur die medizinisch-psychologischen Verwandten einer politischen Revolution, nach der viele strebten, die aber nicht stattfand. Stattdessen wurde Europa verheert, und die Mode ist intakt geblieben. Das Konzept der Erlösung, das hinter den Philosophien der Lebensreform aufschien, hat sich im Konsum aufgelöst. Und vielleicht steuert Europa schon wieder auf einen neuerlichen Abgrund zu, dessen Ausmaße wir noch nicht ermessen können.

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